Unvoreingenommen analysiert Schacter mit Blick auf die vorliegenden Studien, wie glaubwürdig zunächst angeblich verdrängte und dann wiedergefundene traumatische Erinnerungen sind. Als vorsichtiger Forscher schließt er letztlich keine Möglichkeit aus und bemüht sich um eine vermittelnde Position im Expertenstreit. Eine gewisse Skepsis gegenüber den oft dramatischen Erinnerungen verbirgt er allerdings nicht.

Überhaupt ist das Gedächtnis für Schacter kein bloßes Studienobjekt für Akademiker. "Erinnern heißt leben", zitiert er den Schriftsteller Saul Bellow. Er illustriert diese These auf fast 500 gut lesbaren Seiten mit vielen, oft verblüffenden Beispielen. Im Film Blade Runner etwa empfindet sich Rachel als Mensch, obwohl sie eine Art Roboter ist, eine "Replikantin".

Doch ihre Erbauer haben so viele Erinnerungen eingepflanzt, dass sie den Unterschied nicht mehr bemerken kann. Weil das Gedächtnis einen Menschen so sehr bestimmt, erleben wir seinen Verlust, etwa als Folge von Alzheimer, als so schrecklich. Nur die Kranken selbst nehmen den Schwund ihrer Erinnerungen oft kaum noch wahr. Wie der fröhlich Golf spielende Patient Freddie vergessen sie, dass sie vergessen. "Eine Art poetischer Gerechtigkeit", schreibt Schacter.

Daniel L. Schacter: Wir sind Erinnerung - Gedächtnis und Persönlichkeit Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober Rowohlt Verlag, Reinbek 1999 649 S., 49,80 DM