Eine Partei steht am Abgrund, die wie keine andere die Bundesrepublik Deutschland geprägt hat. Auf dem Spiel steht jetzt mehr als das Schicksal der christlichen Demokraten: nicht das politische, wohl aber das Parteiensystem, wie wir es kennen. Sollte die CDU in Stücke brechen, wird auch in den übrigen Parteien kein Stein auf dem anderen bleiben. Ist die CDU noch zu retten?

Es ist kein Zufall, dass Kohl das Fernsehen als Beichtstuhl der Nation wählte. Auch einer kritischen Öffentlichkeit wird bald nichts mehr anderes übrig bleiben, als den Parteien für die Sünden der Vergangenheit eine Art politische Absolution zu erteilen. Doch vor dem befreienden ego te absolvo, das nur der Bürger sprechen kann, stehen Bekenntnis, Buße und Besserung.

Bekenntnis: Es waren keine "Fehler", die mal passieren können. Das Ganze hatte System. Sie wussten, was sie taten, als sie Bares gaben und nahmen. Von einem "Ehrenwort" kann bei solchen Geschäften nicht die Rede sein, eher schon von Erpressung: dann nämlich, wenn Kohls Spender genauso erfunden sein sollten wie die "jüdischen Vermächtnisse" der hessischen CDU.

Buße: Aufklärung, Bedauern und Rückzahlungen werden nicht genügen. Die Umkehr muss in Personen und Taten sinnfällig zum Ausdruck kommen. Der Bundesvorstand der CDU hat sich immerhin öffentlich bei den jüdischen Mitbürgern entschuldigt - besser spät als nie. Und er hat den Druck auf Helmut Kohl verstärkt. Jener wiederum, der über ein Vierteljahrhundert ihr Vorsitzender war, hat nur ein paar Stunden gebraucht, um sich zu entscheiden: wieder einmal für sich und gegen die Interessen der CDU, die er, so muss man im Rückblick wohl sagen, all die Jahre für seine Zwecke nur instrumentalisiert hatte. Schon lange hatte er die Seele seiner Partei in Weyrauch und Weihrauch erstickt. Jetzt ließe er die CDU eiskalt vor die Hunde gehen, ginge es nur nach ihm. Da er sich nun selbst vom Sockel holt, die Ehre der Prizzis über die Ehre der CDU stellt, sollte nun auch die CDU den Schnitt vollziehen.

Besserung meint schließlich eine Reform des Parteienstaates an Haupt und Gliedern und die CDU dabei als treibende Kraft. Erst danach hätte eine Absolution Sinn, befreite die Politik aber auch wieder für die Themen der Zukunft.

Das alles braucht Zeit. Eine Zeit des Übergangs. Die CDU hat zwei Optionen.

Sie kann sich weiter, wenn auch in Moll, in den alten Routinen bewegen: Parteitag, (Wieder-)Wahl des Vorsitzenden, Rhetorik der Betroffenheit. Der Niedergang beginnt nicht mit einem Skandal. Er beginnt in dem Augenblick, in dem das gemeinsame Interesse, das langfristig für alle Vernünftige, keinen festen Ort mehr haben, sondern umhervagabundieren wie herrenlose Hunde. Dann werden Verlegenheitslösungen geboren, blind dates ausgemacht, Packungen und Personen gehandelt, deren Substanz keiner kennt.