Paris Ist der französische Staatspräsident "ein Bürger wie jeder andere"? Die Staatsanwaltschaft von Versailles hat am vergangenen Dienstag erklärt, dass das amtierende Staatsoberhaupt zwar einen besonderen Schutz vor gewöhnlichen Gerichtsverfahren genieße. Das dürfe jedoch keinen Untersuchungsrichter an Ermittlungen hindern, die zu einer Anklage nach Ablauf der Amtszeit führen können.

Staatspräsident Jacques Chirac ist von 1976 bis 1995 in Personalunion Bürgermeister von Paris und Parteivorsitzender der neogaullistischen Partei gewesen. Damals wurden viele Mitarbeiter der Partei auf Gehaltslisten des Rathauses geführt. Ein Ermittlungsverfahren zu dieser Form der verdeckten Parteienfinanzierung läuft seit längerem. Zu den Akten gehört ein Brief aus dem Jahr 1993, der belegt, was jedermann sich denken konnte - das System war Chirac bekannt, und er hat es benutzt.

Es sieht deshalb so aus, als ob es für ihn nur einen Schutz vor einem Strafverfahren gibt - er muss Staatspräsident bleiben. Sich 2002 ein zweites Mal wählen lassen. Aber wie? Das rechte Parteienlager ist noch längst kein funktionstüchtiges Bataillon. Und der Spielraum für die bisher üblichen dubiosen Finanzierungsmanöver ist eng geworden, seitdem das Justizministerium den Ermittlungsrichtern freien Lauf lässt.

Nun schimmert am Horizont die Hoffnung auf bis zu vier Milliarden Franc (1,2 Milliarden Mark). So viel Geld soll Chiracs alter Freund François Pinault zusammen mit anderen Industriellen in die Gründung einer "liberalen Tageszeitung" stecken wollen. Pinault, der sein Berufsleben als Holzhändler angefangen hat, gilt als reichster Mann Frankreichs. Er sucht seinen bisherigen Erfolg durch Prestigeprojekte abzustützen und den weiteren Erfolg mit politischer Freundschaft zu sichern.

So hat Pinaults Holding Artemis schon ein grandioses De-Gaulle-Spektakel unter Leitung von Robert Hossein finanziert. Es ist das erfolgreichste Theaterstück der Saison, das die Legende um den General nährt und einem Publikum aller Altersklassen nahe bringt. Die 4000 Sitzplätze im Kongresspalast sind seit Monaten jeden Abend ausverkauft. Jetzt geht die Inszenierung auf Tournee in andere Städte.

In dem Zeitungsprojekt, das Artemis weder bestätigt noch dementiert, kreuzt sich Pinaults Traum von der Noblesse des Verlegertums mit Chiracs Bedürfnis nach einer Zeitung an seiner Seite. Le Monde, das hat er nicht vergessen, war im Wahlkampf 1995 aufseiten seines konservativen Gegenspielers Balladur.

Libération ist zu links. Le Figaro schließlich, den Pinault eine Zeitlang kaufen wollte, ist zwar konservativ, aber unbeständig.