Das Millennium hat mit viel Optimismus begonnen: In den Vereinigten Staaten hält die Begeisterung über die Wunder der New Economy an, Europa steht vor einem mächtigen, noch unterschätzten Aufschwung - und selbst in Japan erscheint ein Silberstreif am Horizont. Für die Japaner könnten, so scheint es, die Qualen eines verlorenen Jahrzehnts zu Ende gehen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeichnete kürzlich in ihrem Bericht zur Weltwirtschaft eine im Großen und Ganzen positive Zukunft des Landes. Damit bestätigte die OECD eine zunehmend weit verbreitete, positive Einschätzung. Doch unter der Oberfläche lauern - nicht nur in Japan selbst - immer noch große Gefahren für die Erholung Nippons.

Bei allen Wundern, die das Silicon Valley hervorbringt, sind es die Amerikaner, die mit ihrer negativen Sparquote und den beispiellos hohen Bewertungen an den Aktienmärkten mit jedem Tag mehr vom Geld anderer Leute abhängen. Man muss sich nur einmal vor Augen halten, dass Amerikas Leistungsbilanzdefizit fast auf den Dollar genau den Überschüssen der Europäischen Union, Chinas, Koreas und Japans zusammengenommen entspricht!

Damit bleibt in den weltweiten Kapitalströmen buchstäblich nicht ein Dollar Spielraum - das Risiko eines brutalen Schocks für die globalen Märkte ist hoch.

Japan hat immer noch gravierende, komplexe Probleme zu lösen. Seine wirtschaftliche Stabilität in jüngster Zeit hat es sich weitgehend "erkauft" - und zwar zu noch nie da gewesenen Kosten. Die Verschuldung der öffentlichen Hand liegt in Japan heute zweieinhalbmal so hoch wie zu Beginn der neunziger Jahre, und sie wird in den kommenden zwei Jahren um weitere Dollarbeträge in Billionenhöhe steigen. Bei solchen Zahlen, die das schludernde Italien vergangener Jahre geradezu als Musterschüler in Sachen fiskalischer Strenge erscheinen lassen, könnte Japan buchstäblich jeden Augenblick erleben, dass sich die Märkte mit Abscheu vom Yen abwenden.

Und es drohen weitere Probleme: Ein Beispiel ist der Beinahebankrott des japanischen Lebensversicherungssystems. Die Branche steckt in der Klemme: Einerseits haben sich die Versicherer vertraglich verpflichtet, ihren Kunden vier bis fünf Prozent Zinsen pro Jahr auszuzahlen, andererseits sind sie per Gesetz gezwungen, den größten Teil des angesparten Kapitals in Staatsanleihen zu investieren, die lediglich ein Drittel dieser Rendite abwerfen. So bluten Japans Lebensversicherungen buchstäblich aus. Als vor einigen Monaten der zwölftgrößte Lebensversicherer des Landes Pleite ging, wurden allein dafür praktisch die gesamten Mittel eines staatlichen Fonds aufgebraucht, der in solchen Fällen einspringt. Und angesichts der Tatsache, dass die öffentlichen Haushalte bereits tief in die Gefahrenzone abgeglitten sind, ist klar, was die Behörden nach den bevorstehenden Wahlen notgedrungen bekanntgeben werden: Die Versicherten müssen sich mit kleineren Auszahlungen zufrieden geben als in den Versicherungspolicen vereinbart. Oma Suzuki wird kaum erfreut sein, wenn sie erfährt, wie wenig ihr nach vielen Jahren wahrer Aufopferung wirklich bleibt. Und: Die Verbraucher werden ihre Ausgaben nochmals zurückschrauben.

Krisenzeichen gibt es überall: In den vergangenen Wochen sah sich die japanische Regierung gezwungen, einen Sanierungsplan für die Kreditgenossenschaften zu erstellen. Derweil befinden sich die hiesigen Unternehmen gerade erst am Fuße eines himalayahohen Berges ungelöster Probleme - von notwendigen Bilanzkorrekturen angefangen bis zu unvermeidlichen Rationalisierungen in der Produktion. Arbeitsplätze und Löhne werden darunter leiden.

Kurzum, Japans Wirtschaft steckt in einer Zwickmühle aus Verschuldung, Deflation, ungünstiger demografischer Entwicklung, wesentlich intensiverem internationalen Wettbewerb und Globalisierung. Das Land ist nicht über den Berg - es hat erst den Anfang seiner Probleme hinter sich gebracht. In dem Maße, wie sich die Märkte künftig von diesen Themen leiten lassen, wird der Yen eine neue Periode der Volatilität erleben. Japan bleibt in dieser Situation, da die Grenzen der Fiskalpolitik in Sicht sind, nur noch ein Kurs: Es muss eine Geldpolitik betreiben, die darauf abzielt, die realen, langfristigen Zinsen auf Null zu senken. Tatsächlich deuten die jüngsten Aktivitäten der japanischen Notenbank auch darauf hin, dass Schritte in diese Richtung unternommen werden. Der Aktienmarkt wird davon profitieren, denn er liebt - wie überall - billige Kredite. Doch der Yen wird ins Rutschen kommen.