Unter den deutschen Diplomaten war Wilhelm Grewe in den ersten 25 Jahren der Bundesrepublik einer der bedeutendsten. Kaum eine Siegerkonferenz über Deutschland, an der er Bonn nicht vertreten, kaum ein Vertrag, den er nicht mitformuliert hat. Völkerrechtler, außenpolitischer Berater Adenauers, Botschafter in Washington, bei der Nato und in Tokyo, Legalist und Realist, Grundsatzfundamentalist und flexibler Taktiker - die Stationen seiner Laufbahn sind so vielfältig wie die Facetten seines Wesens.

Die Hallstein-Doktrin, die den Bonner Alleinvertretungsanspruch begründete, trägt ein falsches Etikett

sie war Grewes Erfindung. Er entwarf sie 1955 auf dem Rückflug von Moskau. Ihr Zweck war es, nachdem Adenauer diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion aufgenommen hatte, einen "Dammbruch" zu verhindern. Mit anderen Staaten, die die DDR anerkannten, wollte Bonn nichts zu tun haben. Grewe wusste, dass diese Nichtanerkennungs-Doktrin keinen Ewigkeitswert besaß. Es war ihm auch von Anfang an klar, dass sich in Kairo, Delhi und Belgrad erweisen würde, ob die Hallstein-Doktrin durchzuhalten sei.

Genau so ist es gekommen.

Vielen galt er als Kalter Krieger, weil er versuchte, den Wiedervereinigungsanspruch der Deutschen mit juristischen Formeln offen zu halten

weil er Präsident Kennedy kritisierte, als der nicht mehr auf die alliierten Rechte in Ost-Berlin pochte

weil er befürchtete, die amerikanisch-sowjetische Entspannung werde zulasten der Deutschen gehen. Aus Washington wurde er deswegen vergrault. Im Weißen Haus hieß es zur Begründung, der Botschafter habe keinen Sinn für Humor. Seine Freunde wussten das schon immer besser.