Beim Warmfahren am Morgen ist's mal wieder passiert: Ein junger Rennläufer ist gestürzt. Jetzt liegt er im Schnee, so wie's aussieht, hat er den Arm gebrochen, die Pistenwacht bettet ihn auf einen Rettungsschlitten.

Zehn Meter weiter steht Martin Oßwald ungerührt am Pistenrand, plaudert übers Handy mit einer Bekannten, einen richtig schönen Wintertag haben wir heute, und fährt mit seinen Skiern ab ins Tal.

Nicht dass Oßwald gefühllos wäre. Seine Augen blicken freundlich, Höflichkeit und Harmonie sind ihm wichtig. Rührend sorgt er dafür, dass nach dem Training im Hotel für seine Buben genug warmes Essen auf dem Tisch steht. Aber Martin Oßwald ist halt seit 20 Jahren Abfahrtstrainer. Da ist die Mitleids- und Gefahrenskala zwangsläufig anders geeicht. Martin Oßwald ist 48 Jahre alt und spricht den erdverbundenen Dialekt des gebürtigen Allgäuers. Er hat Schlosser gelernt, dann wurde er Trainer beim Deutschen Skiverband. Vor und nach mir gab es nie eine bessere Abfahrtsgruppe in Deutschland, sagt er mit ruhigem Selbstbewusstsein. Hans-Jörg Tauscher wurde 1989 Weltmeister, Markus Wasmeier 1994 Doppelolympiasieger. Trotzdem entließ ihn der DSV zwei Monate nach den Olympischen Spielen. Da war mein Selbstwertgefühl angekratzt, sagt er heute. Ich habe lange gebraucht, bis das verdaut war. So wie ein Abfahrer nach einem schweren Sturz.

Ein paar von den vielen Stürzen sind ihm unter die Haut gegangen. Zum Beispiel der von Berni Huber. Den erwischte es 1992 in Garmisch, wie Oßwald sichtlich bewegt erzählt. Aber nicht der gebrochene Halswirbel rührt ihn - gerissene Kreuzbänder und andere Details aus der orthopädischen Abteilung hakt Oßwald sachlich und routiniert ab. Der Huber Berni tat ihm leid, weil er sich in jahrelangem Training bis in die Weltspitze vorgearbeitet hatte, sich Hoffnungen für die Olympia-Abfahrt in Albertville machen durfte, und dann ist er fünf Minuten vor dem Gipfel abgestürzt. In solchen Momenten, gibt der Trainer zu, stelle er sich die Sinnfrage. Aber dann gibt er sich selbst die lapidare Antwort, dass Stürze in diesem Sport halt dazugehören. Ein guter Abfahrer braucht Mut, taktische Intelligenz und fahrerisches Können. Dann fühlt er sich auf der Strecke wohl. Wie verarbeitet ein Fahrer einen schweren Sturz? Das kann zwei Jahre dauern, bis er wieder die alte Grundschnelligkeit hat, sagt Oßwald. Das ist vergleichbar mit einem Unfall in der Formel 1. Als Trainer versucht er, den verunsicherten Athleten mit Erfolgserlebnissen in anderen Disziplinen wieder aufzubauen, zum Beispiel im nicht ganz so schnellen Superriesenslalom.

Seit vier Jahren trainiert Martin Oßwald überaus erfolgreich die Norweger.

Jetzt zeigt auch der Deutsche Skiverband wieder Interesse an ihm - der DSV möchte Oßwald für den kommenden Winter als Cheftrainer gewinnen.

An allen traditionellen Abfahrtsstrecken hat Oßwald seinen Stammplatz und funkt vor dem Rennen letzte Anweisungen an den Start: Es ist eine Spur schneller geworden, den Sprung drücken. In Gröden (Südtirol) zum Beispiel sitzt er jedes Jahr auf einem Baum, und wenn er die Muße hätte, könnte er eine Drei-Sterne-Aussicht genießen: Links ragt der Langkofel als Riesenzahn steil gen Himmel, rechts sieht er ins weite Grödnertal, hinten begrenzen die Schlernspitzen das Panorama. Aber der Trainer hat nur Augen für die Kamelbuckel und die Wellen der Ciaslat-Wiese, die seine Fahrer durchrütteln.