Frankfurt/Main

Nichts ist den guten Sitten zuträglicher als der Skandal

vorausgesetzt, er vollendet sich. Um dahin zu gelangen, muss er drei Stadien durchlaufen: Der Enthüllung eines Verstoßes gegen Recht und Moral folgt, im nächsten Stadium, die erregte Reaktion der verletzten moralischen Gefühle und, zum guten Schluss, die Bestrafung von Schuldigen. Als Wiedergutmachung an den kollektiven, von vielen geteilten moralischen Gefühlen ist dieses letzte Skandalstadium das wichtigste. In ihm wird die Ernte eingefahren: Die verletzten kollektiven Gefühle erfahren Genugtuung. Geschärft und gestärkt gehen sie - als Urgrund von Recht und Gesetz, ja von sozialer Ordnung überhaupt - aus dem Skandal hervor. Die Geschichte der Kultur, zumal der politischen Kultur, kann als Geschichte vollendeter Skandale geschrieben werden. Bleibt, im unvollendeten Skandal, die Genugtuung aus, verfault gleichsam die Ernte auf dem Halm. Das Prinzip der angemessenen Erwiderung, das aller Gerechtigkeit zugrunde liegt, bleibt unerfüllt. Das moralische Leben verrottet.

Welche Genugtuung haben die Hauptakteure der CDU-Parteispendenaffäre bei deren gegenwärtigem Stand den verletzten kollektiven Gefühlen zu bieten? Sie bieten, erstens, "rückhaltlose Aufklärung" an. Nur der schwarze Riese in Oggersheim trägt dieses Angebot nicht mit. Indem er Ehrenwort und Geheimnis unter Freunden aller Aufklärungsphraseologie entgegenstellt, ist er der einzig moralisch Eindeutige und Verlässliche in der ganzen Korona.

Das vorgebliche Aufklärungsinteresse aller andern widerspricht ihrer objektiven Interessenlage. Deshalb kann es auch nicht verwundern, dass sie sich in ihren Auslassungen von einem Tag zum anderen selbst widerlegen und sich von einer Unglaubwürdigkeit zur nächstgrößeren hangeln. "Ich bin gekommen, um Ihnen zu sagen, dass ich gestern gelogen habe, aber heute müssen Sie mir glauben", sagt der leibhaftige Prinz in der Geschichte. Hat man die Paradoxien von Aufrichtigkeitsbeteuerungen je schöner vorgeführt bekommen?

Trotzdem - und dies gehört zu den hintergründigen Listen des sozialen Lebens - kommt mehr ans Licht, als den Beteiligten lieb ist. Aber was dann? Was wäre, wenn "alles auf dem Tisch" läge? Nach der Aufklärung sind unsere verletzten moralischen Gefühle nicht befriedigt, sondern noch mehr verletzt.

Zu ihrer Beschwichtigung bemüht die CDU-Parteispitze nun das vermutlich Letzte, was sie an moralischer Autorität noch auftreiben zu können glaubt: ein Dreimännergremium aus Altbundespräsident Herzog, Altverfassungsrichter Kirchhof, Altbundesbankpräsident Tietmeyer. Was auf den ersten Blick als Anruf der Autorität von Personen erscheint, ist vielmehr der Rückgriff auf die Symbolkraft der drei Einrichtungen, denen in der Geschichte der Bundesrepublik die höchste institutionelle Autorität zugewachsen ist