Ein Publizist, dem alles, was er anfasst, auf wunderbare Weise zu einem Kostüm gerät, fasste jüngst sein Gedankengut wieder einmal zusammen. Dass "die Provinz" immer so heruntergemacht werde, hält er für ungerecht. Die Provinz sei für ihn ein Jungbrunnen, denn sie "produziert immer neue Talente, die Großstadt, braucht und frisst sie auf".

Das ist der klassische Standpunkt des Touristen aus der Großstadt: Wo er sich im Trachtenanzug erholt, will er nicht sehen, wie die schöne Gegend ihrerseits die Einheimischen aufbraucht und auffrisst. Sieht man davon ab, dass die Differenz von Provinz und Stadt heutzutage gar keine sicheren Grenzen mehr hat, kann man denken, dass die Art, in der die Urbanität Menschen aufbraucht, vielleicht mehr produktive Kräfte freisetzt, als der Sommerfrischler ahnt, der sich auf dem Lande schont. Jedenfalls wäre der Versuch, die Talente, die vom Land kommen, gegen die mit städtischer Herkunft auszuspielen, signifikant provinziell.

Die Einleitung zu der bei der Reclam erschienenen Anthologie Großtadtlyrik trägt den Titel: Augen in der Großstadt - die Großstadt ein Wahrnehmungsraum der Moderne. Darin zitiert die Herausgeberin Waltraud Wende einen der grandiosen Texte der Stadtreflexion, nämlich Georg Simmels Die Großstädte und das Geistesleben. Simmels Aufsatz von 1903 zeichnet sich besonders dadurch aus, dass er weder kulturpessimistisch noch fortschrittstrunken sein Thema vergibt. Der Soziologe Simmel verteidigt die Urbanität

sie ist für ihn gegen "die Kleinlichkeiten und Präjudizierungen, die den Kleinstädter einengen", eine Erweiterung des menschlichen Gesichtskreises. Aber Simmel weiß auch, dass solche Erweiterungen ihren Preis haben. Simpel gesagt: Sie kosten Nerven.

Waltraud Wende zieht in der Einleitung ihrer Anthologie deutschsprachiger Großstadtlyrik den Schluss, dass Simmels "charakteristische Ambivalenz zwischen Positiv- und Negativbewertungen der großstädtischen Lebenswelt" stets ein Topos der Großstadtwahrnehmung war. Nun, Simmel scheint mir gar nicht so ambivalent

er analysiert vielmehr den grimmigen Hass, "den die Prediger des äußersten Individualismus, Nietzsche voran, gegen die Großstädte hegen" ohne Sympathien.

"O, der Wahnsinn der großen Stadt ..." So beginnt Trakls Gedicht An die Verstummten. Das Gedicht von 1914 führt vor Augen, mit welchem Entsetzen, mit welch ungeheurem Gefühlsaufwand das Erlebnis der großen Städte "verarbeitet" wurde. In der Stadt ist die Menschlichkeit verstummt, die Geldwirtschaft ist - neben anderen Seuchen - ausgebrochen: "O, das gräßliche Lachen des Golds."