Auf die Originalakten über den Verkauf von Leuna an Elf Aquitaine wird der Untersuchungsausschuss, der jetzt seine Arbeit aufgenommen hat, verzichten müssen. Sie sind definitiv verschwunden, teilte Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye nach intensiver Recherche im Kanzleramt mit. Wer weiß, was noch alles verschwunden sein wird? Derweil jedenfalls tauchen alte Millionen neu auf. Die Angelegenheit, die mit der Million eines umtriebigen Geschäftemachers in Walther Leisler-Kieps Koffer ausgelöst wurde, wird jedenfalls immer denkwürdiger.

Die Million Kieps ist der Anlass für den ersten Untersuchungsausschuss, den der Deutsche Bundestag einsetzt, seit er von Berlin aus wirkt. Das ist zugleich der 44. seiner Art in der parlamentarischen Nachkriegsgeschichte - die elf mitgezählt, in denen der Verteidigungsausschuss als Untersuchungsausschuss operiert hat. Die Thematik des jüngsten ist so alt wie die des allerersten vor ziemlich genau 50 Jahren. Damals, 1950, stand auf der Agenda, was auch demnächst untersucht wird: politische Geschaftlhuberei.

Dass die Vorwürfe heute so rasch geklärt sind wie seinerzeit, ist nicht zu erwarten. Damals lösten sich die angeblichen Machenschaften bei lebenswichtigen Lebensmitteleinfuhren schon nach wenigen Monaten ins Nichts auf. Im Parlament witterte man sogar eine "missbräuchliche Benutzung der an sich höchst notwendigen Einrichtung parlamentarischer Untersuchungsausschüsse". Das blieb jedoch der einzige Fall dieser Art. Die übrigen Untersuchungen waren anerkanntermaßen allesamt vonnöten.

Auch der erste Untersuchungsausschuss der 14. Legislaturperiode ist ganz sicher nicht missbräuchlich. Doch der Auftrag, den die 15 Ausschussmitglieder und die gleiche Anzahl Stellvertreter vom Parlament erhielten, ist komplex: ob und wenn, dann welche früheren Regierungsmitglieder mit Spenden, Provisionen und Sonstigem zu bestimmten "politischen Entscheidungsprozessen beeinflusst" worden sind? Und inzwischen stellt sich infolge der täglichen neuen Enthüllungen schon die Frage, ob der Untersuchungsauftrag nicht weiter gefasst werden muss.

Das also ist kein Stoff, der in Wochen oder Monaten bewältigt wird. Zwei Jahre wird es dauern, schätzt der Vorsitzende Volker Neumann. Der Rechtsanwalt aus Bramsche hat gut 20 Jahre Parlamentserfahrungen hinter sich.

Darin ist die Mitarbeit in drei Untersuchungsausschüssen enthalten, zuletzt als Vorsitzender bei der Untersuchung der "DDR-Vermögen". Wenn demnächst etwaige Provisionszahlungen bei der Privatisierung von Leuna erörtert werden, trifft Neumann unter den 26 schon benannten Zeugen gelegentlich auf alte Bekannte - zum Beispiel Kiep.

Von Neumanns Prozessführung hängt die öffentliche Wahrnehmung des Ausschusses ab. Er hat den Ruf der Unparteilichkeit, freilich operierte er bislang aus der Opposition heraus. Da er selbst erfahren hat, wie die früheren Koalitionäre von CDU/CSU und FDP die Rechte der Minderheit mit ihrer Geschäftsordnungsmehrheit erdrückten, wird Neumann sich daran messen lassen, wie er nun als Vorsitzender die Umkehrung der Verhältnisse meistert. Im Gegensatz zu vielen seiner Amtsvorgänger besteht für ihn allerdings kein Anlass, die eigene Regierung zu schützen. Auch ist der 57-jährige Neumann für seine sachliche Verhandlungsführung bekannt, steht mithin nicht im Verdacht, sich in Szene setzen zu wollen. Für seine Verschwiegenheit spricht, dass die SPD-Fraktion ihn auch in das für die Kontrolle der Geheimdienste zuständige Gremium berief.