Langsam schlurft der Held zum Salatbüfett. Ein dicker blauer Wollpullover mummelt seine hängenden Schultern ein, den Kragen hat er am Hals hochgezogen, so weit es geht. Er hustet. Dazu hebt er matt den rechten Arm vors Gesicht und hält sich die Ellbogenbeuge vor den Mund. Als er am Tisch der deutschen Abfahrer vorbeikommt, murmelt der Norweger: Ich bin ein bisschen krank jetzt.

Lasse Kjus, vor 29 Jahren in einem norwegischen Ort namens Ski geboren, ist einer der besten Skifahrer der Welt. Im vergangenen Winter trat er bei den Weltmeisterschaften in allen fünf Disziplinen an, vom Slalom bis zur Abfahrt.

Zweimal gewann er Gold, dreimal Silber. Dabei war am Abend vor dem Superriesenslalom nicht klar, ob er überhaupt starten könnte, weil er mal wieder schlimm erkältet war. Seit den Tagen seiner Kindheit leidet Lasse Kjus an chronischem Katarrh.

Vorgestern ist Kjus im Slalom gestartet. Gestern hat sich der Skiwanderzirkus in Bewegung gesetzt, die norwegische Mannschaft ist mit 10 Athleten und 15 Betreuern, 3 Kleinbussen und 5 Pkw quer durch die Dolomiten gefahren. Der Servicemann, den eine österreichische Skifirma bezahlt, hat die 30 Paar Ski von Kjus in seinen Van geladen und ist ebenfalls ins Grödnertal gefahren, wo übermorgen das Abfahrtsrennen stattfindet. Heute besichtigen die Rennfahrer die Strecke. Sie ist 3,4 Kilometer lang, im Rennen rasen die Schnellsten in gut zwei Minuten hinunter, Durchschnittsgeschwindigkeit 100 Stundenkilometer.

Für die Besichtigung heute brauchen sie eine gute Stunde. Im Schneepflug rutschen sie durch die ersten beiden Tore, wie Skischüler, nur schlampiger in der Haltung. An jedem Buckel bleiben sie stehen, die Norweger bilden einen Pulk kanariengelber Skianzüge. Der Trainer ist vor einer Hangkante in die Hocke gegangen, streckt beide Arme parallel nach vorn, neigt sie schräg nach rechts und zeigt einem seiner jungen Rennfahrer die Ideallinie. Das ist wie Schachspielen, sagt er, du musst alle Möglichkeiten durchdenken.

Kristian Ghedina, der Lokalmatador, blinzelt in die Sonne und pfeift Yellow Submarine. Hermann Maier, der Österreicher, lehnt sich auf seine Skistöcke, sucht mit den Augen die Piste ab, prüft jede Bodenwelle. Damit keiner seine Konzentration stört, rutscht er als Letzter mit großem Abstand hinter den anderen her. Er sieht den Himmel nicht, nimmt die Berge nicht mehr wahr. Die ganze Welt reduziert sich für ihn auf eine gedachte Linie zwischen zwei Toren.

Lasse Kjus fehlt. Die Konzentration bei der Streckenbesichtigung würde den Erkälteten zu viel Energie kosten. Der Held ruht sich aus und sammelt Kräfte.