Wie fühlen Sie sich hier? Vermissen Sie nicht Ihr Land, wo die Sonne scheint, das Essen schmeckt, die Leute freundlich sind und die Zitronen blühen? Wie oft muss eine Fremde aus Südeuropa im Kreis deutscher Freunde oder vor dem Fleischtresen im Supermarkt die Wahlheimat verteidigen, die deutschen Tugenden und die Leberwurst loben, vor allem dem weit verbreiteten Glauben widersprechen, Deutschland sei das Land der gruseligsten Langeweile!

"Deutschland hat mich nicht eine Sekunde gelangweilt", schreibt Pascale Hugues im Vorwort ihres Buches Deutsches Glück. Die französische Autorin wendet sich mit ihren elf Reportagen zunächst an die Franzosen, bei denen die Deutschen unbeliebt sind. Zweitens schreibt Pascale Hugues für die deutschen Leser, die sich selber wenig lieben und "ein subtiles Vergnügen daran finden, wenn man ihr Land angreift".

Nach Deutschland kam Pascale Hugues im September 1989 als Korrespondentin von Libération. Aus London! Die Kollegen in Paris konnten es nicht fassen - warum das aufregende London mit dem langweiligen Bonn vertauschen? Sie wollte ihre Wurzeln wiederfinden. Sie stammt aus Straßburg, aber ihre Urgroßmutter kam aus Ostpreußen (und die Großmutter, die 1902 im Elsass geboren wurde, wechselte im Lauf ihres Lebens fünfmal die Staatsangehörigkeit!). Hugues konnte nicht ahnen, dass sie pünktlich zur Wende eintreffen würde: "Ein Ereignis, wie es die Franzosen lieben: spektakulär, geschichtsträchtig und sehr emotionsgeladen".

Pascal Hugues ist durch Stadt und Land und durch die gequälte deutsche Seele gereist. Sie hat Russlanddeutsche aus Sibirien nach Deutschland begleitet und Touristen aus Nordrhein-Westfalen in Königsberg angesprochen. Im alternativen Wendland erforschte sie das Reservat einer Generation, die ihre Eltern immer vergeblich nach der Vergangenheit gefragt hat und nur eins nicht möchte, dass ihre Kinder eines Tages fragen: "Was habt ihr gegen die Atomkraft getan?"

Die Reportagen sind meisterhaft gewoben, die Menschen mit Mitgefühl und, wenn angebracht, mit Humor porträtiert. Sehr amüsant ist das Kapitel über das gemeinsame Frühstück der Frauen, die einen Geburtsvorbereitungskurs besucht haben - ein Klassiker des neuen Deutschland, das Ritual des Schuheausziehens, die von der aufmerksamen Gastgeberin angebotenen, ausgelatschten Pantoffeln ...

Das Streben nach Gleichheit zwischen den Geschlechtern stellt die französische Mutter provokant zur Diskussion: "Warum lassen sie (die deutschen Frauen) sie (die deutschen Männer) nicht pinkeln, wie sie wollen, und bringen ihnen statt dessen bei, das Bad zu putzen?" Ordnung, Disziplin, Fleiß, Sauberkeit, Pünktlichkeit, Ernsthaftigkeit, Sparsamkeit, Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit. Die Deutschen von Kasachstan wissen genau, woraus ihr Deutschsein besteht. Selbstzweifel kennen sie nicht. "In den Steppenkolchosen", schreibt die Autorin, "traf ich zum ersten Mal auf Deutsche, die gern deutsch waren."

Das Buch beginnt mit diesen Russlanddeutschen, es sind vielleicht seine stärksten Seiten, gewiss seine rührendsten. Pascale Hugues sitzt auf ihrem Rückflug aus Sibirien neben zwei Damen, die mit 85 und 89 Jahren zum ersten Mal die Heimat sehen. In Bayern warten zwei Plätze in einem Altersheim auf sie. Als ihr Flugzeug in Hannover landet, sind die beiden Mütterchen verängstigt. Die französische Mitreisende fürchtet, sie könnten sich erniedrigt fühlen, weil das Diakonische Werk mit zwei Rollstühlen vorfährt.