Leipzig Wo sind meine Brüste? Gestern zum Training hatte ich sie noch!" Die Burschen des Männerballetts wühlen in ihren Rucksäcken und wirbeln in heller Aufregung durch die Garderobe. Im Hinterzimmer der Rosensäle, eines Gasthofs im Leipziger Vorort Miltitz, brennt die Luft. Drei Dutzend Karnevalisten stehen Schlange bei der Maskenbildnerin, die Tänzerinnen wärmen sich für die Spagate auf und lassen jedermann ihre Beine um die Ohren fliegen. An den Wänden des höchstens fünf mal sechs Meter großen Raumes sind bis zur Decke Requisiten gestapelt. Niemand wirft etwas weg, was man vielleicht noch mal irgendwann gebrauchen könnte. Der Duft von Deo und Haarlack mischt sich mit dem Geruch, der aus der Räucherkammer des Gasthofes herüberzieht.

Heute ist öffentliche Generalprobe für Helau TV, das neue Programm des Carnevals Clubs Alte Salzstraße. Die Hauptrolle spielt nicht der Elferrat, sondern "Mürbchen", ein durch die Programme zappender kleiner Junge, der längst seine fünf Lebensjahrzehnte zählt. Und der hiesige Schlachtruf lautet "Leila Helau!", "Leila" wie "Leipzig lacht".

Die Karnevalisten wissen, was sie ihrem Publikum abverlangen dürfen.

Aufwendige Kostümierungen jedenfalls nicht. Eine ausgewaschene Dederon-Kittelschürze nebst Kopftuch genügt für die "Putzfrau". Das mit frechen Sprüchen bemalte T-Shirt wird vermutlich auch im Sommer zum Grillen getragen.

Was den klassischen Karneval, so wie er im Rheinland zur Blüte gelangte, betrifft, sehen die Sachsen die Sache seit eh und je etwas legerer. Zum einen, weil die überwiegend protestantische Gegend kaum Verbindung mehr hat zur Fastenzeit und zu dem Prassen davor. Andererseits war das Verhältnis zu Preußen und Franzosen weniger angespannt. "Und so eine Prunksitzung, wo die Herren mit teurer Kappe und die Damen mit einer Federboa überm kleinen Schwarzen erscheinen, könnten wir hier nie machen", sagt Frank Markwardt, Chef des Förderkomitees Leipziger Karneval e. V. "Das wäre den Leuten zu langweilig. Und bloß um gesehen zu werden und vielleicht jemanden zu treffen, dem man schon immer mal seine Visitenkarte überreichen wollte ... Nee."

Sachsen hat eine lange Karnevalstradition. Es existieren einige jahrhundertealte, dem Winteraustreiben entsprungene Faschingsbräuche, die noch heute gepflegt werden. So gibt es die Schifferfastnacht an der Elbe nahezu unverändert seit etwa 400 Jahren. In den katholischen sorbischen Gebieten ganz im Südosten des Freistaates überlebt das "Zampern", bei dem verkleidete Figurengruppen von Haus zu Haus ziehen und sich nach einem Tänzchen mit der Hausfrau Geld und Eier in den Korb packen lassen. "Zapust" wird hier als Höhepunkt des Fastnachtsgeschehens gefeiert - in den sorbischen Festtagstrachten.

In der Leipziger Chronik ist von allerlei Klamauk beim "Winteraustreiben" die Rede, von "Hurenprozessionen" und vom Fastnachtstanz, der 1531 im Rathaus sogar ein Geländer zu Bruch gehen ließ, von Geraufe, Gesaufe und "unzüchtigen Tänzen". 1867 stieg ein großes Narrenfest im Stadtzentrum, durch die Straßen rollte ein Festumzug, darunter ein Wagen, mit leerem Stroh und Männern mit Dreschflegeln - Aufschrift: "Der sächsische Landtag". Später wurde August Bebel verspottet, was die tätige Empörung der Leipziger Sozialdemokraten hervorrief. Als derartige Turbulenzen überhand nahmen, verbot der Bürgermeister kurzerhand das wilde Treiben.