In der freien Natur ist der Waschbär ein eher unauffälliger Zeitgenosse.

Da er nur nachts aktiv ist, bekommt man ihn kaum zu Gesicht

selbst Jäger beobachten ihn, wenn überhaupt, höchstens einmal bei der Wildschweinfütterung. Doch die ursprünglich in Nordamerika beheimateten Waschbären, vor 70 Jahren in Europa eingebürgert, leben längst nicht mehr nur unauffällig in den Wäldern. Zunehmend zieht es die Überlebenskünstler auch in die Städte.

Anfang der neunziger Jahre machte ich mich mit einigen Kollegen daran, das Verhalten des in Europa noch kaum untersuchten Kleinbären zu erforschen. In den Wäldern des Weserberglandes, 50 Kilometer nördlich von Kassel, fingen wir Waschbären und markierten sie mit Radiosendern. Im August 1994 ging uns dabei auch ein junger Rüde in die Falle. Mithilfe seines Senders konnten wir im folgenden Winter genau beobachten, wie er seine Geburtsheimat verließ und in Richtung des Städtchens Bad Karlshafen abwanderte. Zu unserer Verwunderung schreckten ihn weder der Straßenverkehr noch die vielen Menschen.

Eines Abends orteten wir ihn in einem Garten. Wir klopften an die Tür und fragten den Hausbesitzer, ob ihm bekannt sei, dass sich in seinem Garten ein Waschbär aufhielte. Lächelnd winkte uns der Mann in die Wohnung und führte uns an das Schlafzimmerfenster. Er drückte auf einen speziell angebrachten Lichtschalter, und eine Lampe überflutete den nächtlichen Garten mit grellem Licht. Wir trauten unseren Augen nicht. Unser sonst so scheuer Waschbärrüde saß - zusammen mit 20 weiteren Bären - genüsslich vor einem Fressnapf, in dem Brot in Zuckerwasser eingeweicht worden war. Selbst als der Mann das Fenster öffnete, flüchtete keines der Tiere. Eines kam sogar auf uns zu, stellte sich an die Hauswand und erwartete bettelnd einen Leckerbissen.

Der Mann und seine Frau berichteten voller Stolz, sie verfütterten jeden Abend mehrere Laibe Brot an "ihre" Waschbären. Die beiden hatten den Tieren Namen gegeben und erwarteten jeden Abend ihre Ankunft mit großer Spannung.

Die ewig hungrigen Gesellen belohnten die Tierfreunde damit, dass sie zum allabendlichen Stelldichein bald die Verwandtschaft mitbrachten.