Kreischa/Sachsen

Es war einmal eine hübsche Pastorentochter, die erwuchs im hässlichen Osten des geteilten Vaterlands. Als nun die Zeit kam, da das Vaterland sich einte, durfte der Osten schön wie der Westen werden, und siehe, er wusste nicht wie.

Da berief der Westen etliche Ostler zu Wendemissionaren, unter ihnen die hübsche Pastorentochter. Anstellig schien sie, gut zu leiten, kritisch nur bezüglich der gottlosen Vergangenheit. Das erfreute, bis die Zahme eines unverhofften Tages bissig wurde, ihre Gönner attackierte und vor aller Welt bösartige Dinge sprach, mit denen sie vermutlich im ostdeutschen Pfarrhaus infiziert worden war - marktfeindliches Zeug von Kamel und Nadelöhr, von ungerechtem Mammon und verlorener Seele. Als könnte man verlieren, was man gar nicht hat!

Nein, nicht von Angela Merkel handelt dieses Märlein, und was für einen Weg es mit Friederike Woldt nimmt, wird die Zukunft weisen. Die Gegenwart vermeldet: "Friederike Woldt, die neue Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentags, erfüllt zwei Anforderungen für protestantische Leitungsämter: Sie ist weiblich und kommt aus dem Osten. Aber sie ist mehr als eine Quotenfrau. Noch sitzt die dunkelhaarige, 44 Jahre alte Theologin in ihrem Pfarrhaus im Dörfchen Kreischa, nahe Dresden." Diese gut gekühlten Zeilen schrieb Heike Schmoll in der FAZ, und: "Noch redet sie offen über ihre Grenzen und Schwächen." Schnell, wir müssen nach Sachsen, ehe es vorbei ist mit diesem Noch.

Im Hörer raschelt's. Dann eine sehr weibliche Stimme, die weder nach Sachsen klingt noch nach Protestantismus. Ja, sie sei es. Sie habe kaum Zeit. Was wir denn schreiben wollten?

Na, vielleicht gar nichts. Vielleicht sind Sie ja eine ganz langweilige Person.

Nein! ruft die unprotestantische Stimme und pruschtet los vor Lachen. Nein, ich bin nicht langweilig!