Über Tote nur Gutes. Am 14. Juni 1947 erging sich die Sächsische Zeitung in Elogen auf den tags zuvor überraschend verstorbenen sächsischen Ministerpräsidenten Rudolf Friedrichs: "Wir sind aufs tiefste erschüttert von dem schweren Verlust, den die Regierung, unsere Partei, der Block der antifaschistischen Organisationen, unser Sachsenland und ganz Deutschland erlitten haben."

War dies alles nur leeres Wortgeklingel, gar die zynische Verhöhnung eines Opfers, dessen Tod zwar plötzlich, aber doch nicht so unerwartet gekommen war? Mordgerüchte waren schon unmittelbar nach dem angeblichen Herztod des Nachkriegspolitikers aufgekommen. In der DDR waren weitere Nachforschungen unmöglich gewesen, sodass erst nach 1989 das Thema wieder auf der politischen Agenda erschien. Zum 50. Todestag Friedrichs' untermauerte der Historiker Wolfgang Leonhard die Mordthese mit neuen Quellen und veranlasste die sächsische Landesregierung, das Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung mit der Erarbeitung einer Expertise zu beauftragen.

Die Arbeit von Michael Richter und Mike Schmeitzner liegt nun als Buch vor - ein Politkrimi, der mehr ist als ein Stück sächsischer Heimatkunde.

Der humanistisch gebildete Sozialdemokrat und sächsische Staatsbeamte Rudolf Friedrichs hatte sein politisches Handwerk in der Weimarer Republik gelernt, war von den Nazis mit Berufsverbot belegt worden und schlug sich unter anderem als Lebensmittelhändler durchs "Dritte Reich". Unmittelbar nach dem Krieg wurde er von den Sowjets zum Oberbürgermeister des zerstörten Dresden ernannt, avancierte zum Chef der Landesverwaltung und 1946 zum ersten sächsischen Ministerpräsidenten der Nachkriegszeit. Obwohl Friedrichs die Vereinigung von KPD und SPD zur SED anfänglich befürwortete, blieb er, wie die Autoren plausibel darlegen, seinen sozialdemokratischen Idealen treu.

Im Konflikt mit dem ihm von den Sowjets als "zweiten Mann" beigegebenen Kurt Fischer vertrat er immer konsequenter das Prinzip der Trennung von staatlichen und parteipolitischen Aufgaben und wehrte sich gegen die "Sowjetisierung" der sächsischen Landesverwaltung. Diese Politik trieb der in der Sowjetunion sozialisierte Elitebolschewist Fischer, der später auch beim Aufbau des DDR-Sicherheitsapparates eine entscheidende Rolle spielte, unerbittlich voran. Friedrichs' Stellvertreter verkörperte idealtypisch das Bild des Berufsrevolutionärs, dessen Handeln sich nicht an rechtsstaatlichen Grundsätzen, sondern an seiner "unbedingten Treue gegenüber der KPdSU" orientiert habe, schreiben Richter/Schmeitzner. Seine langjährige Tätigkeit als Geheimdienstoffizier des Militärischen Aufklärungsdienstes des Generalstabes der Roten Armee sehen die Autoren als gesichert an. Der Konflikt zwischen Friedrichs und Fischer eskalierte im Frühling 1947, sodass die sowjetische Militärverwaltung eine weitere Zusammenarbeit der beiden Antipoden als "absolut unmöglich" bezeichnete. "Einer von beiden muß so bald wie möglich entfernt werden", hieß es in einem internen Bericht. Nach Lage der Dinge konnte damit nur Friedrichs gemeint sein.

Trotz ihrer kriminalistischen Bemühungen gelang es den Autoren allerdings nicht, die Theorie zu erhärten, dass der überarbeitete und herzkranke Friedrichs einem heimtückischen Giftmord erlegen war. Da der Versuch, die Todesursache aufzuklären, Schwerpunkt der Untersuchung war, kommt das Fazit, politischer Mord habe damals im sowjetischen Machtbereich durchaus "eine Methode der Herrschaftssicherung" dargestellt, etwas kleinlaut daher. An Motiven fehlte es freilich nicht. So hatten sowohl Fischer wie Friedrichs belastendes Material über private und politische Verfehlungen des jeweiligen Gegenübers zusammengetragen. Die Dossiers kamen später auf unerklärliche Weise abhanden.

Michael Richter/Mike Schmeitzner: "Einer von beiden muß so bald wie möglich entfernt werden"