Wenn der Frühling kommt, und er kommt stets Anfang Januar, wachsen die Stapel der Buchkataloge gen Himmel, die rufen: "Das Alte ist vergangen, alles ist neu geworden!" Strahlend jung, knusperfrisch, die neuen Bücher sind unterwegs, und ihr Abglanz erscheint schon jetzt auf zigtausend Seiten Papier, die um Aufmerksamkeit betteln. Natürlich gibt es in diesem Frühjahr auch Bücher, die in der 63. Auflage erscheinen, also nicht gänzlich neu sind, Die Macht Ihres Unterbewußtseins von Joseph Murphy etwa, oder in der 34.

Auflage wie Denke nach und werde reich von Napoleon Hill (Denken Sie groß.

Erfolg durch großzügiges Denken erreicht die 9. Auflage, immerhin). Dies sind Hinweise darauf, dass es der Leserschaft kontinuierlich nicht gut geht, wie ebenfalls die Neuerscheinungen für das breite Publikum verraten, das in den Schleudergang des Kapitalismus geriet und deshalb immer neue Ratgeber braucht. Die Kataloge bieten allerhand gegen Rückenleiden, Furcht vor Versagen und andere Ängste, raten unverdrossen zu ostasiatischer erster Hilfe oder zur beherzten Anpassung ans Unvermeidliche: Ja zum Stress!, Schluss mit dem Geld Verschenken! Wie hat es der kleine Satz im vorletzten Prospekt so treffend gesagt? "Heute abend geht 'ne Bombe hoch, und ich hab nichts anzuziehen."

Noch durch ein paar Liebesschulen geblättert, wo sich ein zarter Trend zur späten Vernunftehe abzeichnet, und durch allerhand Ratgeber zur Verfertigung von Selbstbewusstsein, das wahlweise sanft und ehrlich, hart und ehrlich oder einfach fair ausfallen kann. Immer noch kein Buch bemerkt, das sich etwa der knappen Ressource Trinkwasser zuwenden würde oder den gut versteckten Atommüllbeständen, was an mangelndem Interesse fürs Sterben aber nicht liegen kann, denn Selbstmörder zum Beispiel haben Marktchancen, auch Krebskranke natürlich, sieche Alte hingegen weniger. Dafür, ein Trost, werden in allen Sparten die Autoren immer schöner (Michael Cunningham, meine Güte!), wo treiben die Verlage bloß all diese Schönheiten auf? Sind diese Menschen erst schön und werden dann zum Schreiben gebeten, trauen sie sich zu schreiben, weil sie so schön sind, oder macht Schreiben neuerdings schön? Porträtfotos, auch ganzseitig, reißen die verbliebenen Zäune zwischen Intimität und Öffentlichkeit ein. Weil sie die "Faszination des Authentischen" zeigen, auf die auch renommierte Verlage setzen, natürlich, was wäre fabelhafter, als etwas Echtes zu finden. Sogar ein kleiner neuer Verlag, der sich der guten Theorie widmen will, wirbt auf dem Katalogcover mit einem kultivierten älteren Herrn, der nicht nur ein echter Denker war, sondern auch schön. Ein Büchlein von Michael Krüger ragt aus den Stapeln heraus, das wird uns Satiren aus der Bücherwelt erzählen. Und von einigen Büchern, die übrig bleiben, wird noch die Rede sein.