Napoleon wird der Satz zugeschrieben, die Geografie sei unser Schicksal.

Europas Staatsmänner sind dabei, sich diesem Schicksal willenlos zu ergeben.

Kaum steht auf ihrem Terminkalender die Osterweiterung - die glückliche Rückkehr der Polen und Ungarn, Slowenen oder Balten nach Europa -, drohen die Politiker das neu gewonnene große Ganze zu verspielen. Denn auch die Türkei ist seit dem EU-Gipfeltreffen in Helsinki ein Beitrittskandidat für die Europäische Union. Dieser Beschluss hat unerbittlich Folgen. Europa will über Europa hinauswachsen. In nicht allzu ferner Ferne könnten die Ukraine, womöglich Weißrussland und sogar Russland um Mitgliedschaft in einer prinzipiell für alle offenen Gemeinschaft nachsuchen. Und hinter ihnen träumt selbst der Premierminister von Kyrgystan schon davon, sein Land werde einmal Teil von Europa. Man wird, gehorcht man der bisherigen Logik der Erweiterungspolitik, jedenfalls eines Tages Moskau und anderen schlecht verwehren können, was man Ankara jetzt anbietet.

Warum die Aufregung? Bislang hat die Gemeinschaft jede Erweiterung glücklich überstanden. Niemand wurde ärmer, alle wurden reicher, als sich die Union nach Süden, auf die westlichen Inseln Irland und Großbritannien oder nach Skandinavien ausdehnte. Der Beitritt Spaniens, Portugals und Griechenlands weckte einst Ängste, vor billigen Arbeitskräften und wohlfeilen Agrarprodukten. Die Angst ist verflogen. Weshalb soll das eines Tages anders sein, wenn die Türkei beitritt?

Die Ausdehnung der Europäischen Union nach Süden fand ihren politischen Grund in der glücklichen Demokratisierung von drei autoritär regierten Ländern - und ihre natürliche Grenze am Wasser, am Atlantik und am Mittelmeer. Auch die Bewegung nach Osten hat ihren politischen Grund - die Teilung des Kontinents soll endgültig überwunden werden. Doch eine natürliche Grenze findet die Union gen Osten nirgendwo. Hier wird sie eines Tages sagen müssen, wo sie an die Grenzen des Wachstums stößt, wo innen aufhört und außen beginnt. Erst recht wird die Union mit ihrem Anspruch ins Bodenlose stürzen, wenn sie zum Sprung über den Bosporus ansetzt. Denn wer sich die Türkei als mögliches Mitglied einlädt, wer hier ja sagt, wird nicht mehr nein sagen können, wenn Armenien, Georgien, Aserbajdschan anfragen und Europa unversehens eine Grenze mit dem Irak, dem Iran, ja China hätte.

Undenkbar? Nein, herrschendes Denken in Europas Hauptstädten. Aus der heute noch ehrgeizigen politischen Union würde auf diese Weise allerdings ein riesiger eurasischer Binnenmarkt, ein gigantisches Einkaufszentrum vom Tejo bis zum Tigris, ein Verkehrsraum mit transnational geplanten Schienensträngen, Luftlinien, Autobahnkreuzen bis zur Krim und zum Kaukasus und darüber hinaus.

Ein solches Europa ließe sich zwar vorstellen, aber nicht mehr gestalten. Mag es sich weiter Union nennen, es wäre doch keine politische Gemeinschaft mehr.