Für den deutschen Außenminister ist der Umzug nach Berlin wie ein Einzug in die Geschichte. Künftig führt er seine Amtsgeschäfte in einem Haus, das wie kaum ein anderes die Schrecken des 20. Jahrhunderts mit sich trägt.

Anders als bei den mahnend-musealen Reservaten der Erinnerung erledigt sich hier die Vergangenheit nicht mit ein paar Pflichtbesuchen oder Feiertagsbekenntnissen - sie steht einem ständig vor Augen. Als ein Bollwerk aus Sandstein, das für Hitler zum ersten großen Renommierprojekt wurde, später der SED-Diktatur als Herrscherzentrale diente und in dieser Woche feierlich eingeweiht wird als Auswärtiges Amt.

Kann man in einer solchen Geschichtsburg regieren? Gebaut einst für die Reichsbank, die hier die Finanzierung einer heimlichen Wiederaufrüstung plante, die mithalf bei der Ausplünderung der Juden und die Zahngold in ihren Tresoren lagerte? Welches Bild gewinnt die Welt, wenn der deutsche Außenminister ausgerechnet dort sein Arbeitszimmer einrichtet, wo vor kurzem noch Erich Honecker residierte, im "Hochsicherheitstrakt der Macht", wie Heiner Müller den Trutzbau nannte?

So schwerleibig und wehrhaft dieses lang gestreckte Gebäude in Sichtweite des Berliner Schloßplatzes auch wirkt - vor Missverständnissen und diplomatischen Verwicklungen schien man in ihm nicht geschützt. Gern hätte man es wohl abgerissen. Doch entschied sich die Regierung Kohl gegen das Abräumen und beauftragte mit der sensiblen Aufgabe, das Gegenwärtige im Gewesenen zu ermöglichen, den Architekten Hans Kollhoff.

Der allerdings ist berüchtigt für seine einfachen Antworten auf schwierige Fragen, ein wortmächtiger Fürsprecher fest gefügter Bau- und Gesellschaftsordnungen. Ein Kulturpessimist, der die Moderne der Nachkriegszeit verteufelt und für die Ideale des Klassizismus um 1800 schwärmt. Er wolle, sagt Kollhoff, auch Bauten wie dem Reichsbankgebäude seinen "Repekt erweisen, nicht weil, sondern obwohl sie diese Vergangenheit hatten". Er sagt hatten, nicht haben - als ließe sich eine historische Haut einfach abstreifen. Aber so ist Kollhoff: Seine Geschichtsversessenheit ist in Wahrheit eine Geschichtsvergessenheit. Am liebsten würde er die Architektur freisprechen von aller Bedeutung, die sie in ihren Formen aufbewahrt. Es gibt für ihn kein demokratisches und kein diktatorisches Bauen, er liest die Steine nicht als Spur: Nicht das historische Denkmal interessiert ihn am Reichsbanktrumm, sondern das Zeugnis einer Stilentwicklung.

Nur so ist zu erklären, warum er bei seinem Umbau auf eigene baukünstlerische Marken ganz verzichtete. Ihm fehlt die Distanz, es gibt keine Ironie, keine Neuformulierung, Kollhoff setzt auf eine Architektur der Affirmation. Außen hat er auf jedes Zeichen der Umnutzung und Neuaneignung verzichtet, und auch im Inneren herrscht Restauration: gediegener Prunk und ein verquerer Drang zu salonhafter Gemütlichkeit.

In diesem Ambiente also will sich Deutschland der Welt zeigen: Einbauschränke, Fensterlaibungen, Türen, oft genug ganze Wände sind rustikal mit Kirschholz vertäfelt