Vom Utöpchen

Millionen suchen jährlich an fernen Stränden und auf fremden Pisten, was der Schrebergärtner längst gefunden hat: sein Glück im Winkel. Dem nahe gelegenen Paradies, dem Kleingarten, gilt die mentalitätsgeschichtliche Untersuchung Hartwig Steins, die tiefe Einblicke in die Träume und Praktiken der "arbeitenden Classen" gibt, es ist Steins Doktorarbeit.

Der Maler Heinrich Zille erfand die Formel "Laube, Liebe, Hoffnung" für das Heil des kleinen Mannes. Bis die "Automobilmachung" das Kleingärtnerdasein ins bewegliche Campingwesen transponierte und bis zur Pauschalflucht in die Dom. Rep. trieb, bildete die Datsche das "Himmelreich der Arbeiterfamilen".

Leben, Urlaub, Freizeit spielten sich im grünen "Utöpchen" ab, wo Urlaub in Tages- und Wochenendportionen erschwinglich war.

Glänzend versteht es Stein, aus diesem so ganz unheroischen Thema Funken zu schlagen. Er setzt, so kündigt er an, auf "konsequente Entgrenzung. Nur sie bringt die utopische Tiefendimension des Kleingartens zum Vorschein." Aufs angenehmste unterbrochen durch ausgedehnte Exkurse, behandelt Stein die Armengärten und die Ursprünge des Schrebergartens im 19. Jahrhundert, um dann exemplarisch auf die Kleingartenbewegung in Hamburg einzugehen

in weiteren Kapiteln wird den "Laubenpiepern" über den Zaun geschaut, ausführlich Hamburg vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus betrachtet sowie der Niedergang des Kleingartens nach dem Zweiten Weltkrieg gestreift.

Dem Autor gelingt so ein streckenweise sogar witziger Streifzug durch die Gartengeschichte. Am Anfang der Schreberbewegung stand das Motiv, der profitmindernden Unterernährung der Arbeiter durch ein Selbstversorgungsprogramm Herr zu werden. Zur Jahrhundertwende dominierte die lebensreformerische "Zurück zur Natur"-Ideologie. Und dann folgte eine nationalsozialistische "Blut und Boden"-Rhetorik, die den Drang zur Pachtscholle pathetisch überhöhte.

Glücklicherweise verstößt der Autor mit seinem "Entgrenzungs"-Konzept gegen den tradierten Bauplan einer Dissertation und lässt seine Gedanken fliegen.

Vom Utöpchen

So lernen wir nebenher auch Robinson Crusoe als einen Prototyp der Moderne kennen, erfahren etwas über die heimliche Verwandtschaft zwischen Laubenkolonie und Kolonialismus und über die Obsessionen des Leipziger Arztes Daniel Schreber. Der berüchtigte Pädagoge war übrigens keineswegs der Vater des nach ihm benannten Gartens: Genüsslich werden die vielen Legenden um Schreber ausgebreitet.

Mit den ausgewerteten Quellen ließen sich leicht mehrere Bücher füllen. So sehr scheint es, hat sich der Autor in den sieben langen Jahren des Recherchierens und Schreibens in die Welt des Schrebergartens versenkt, dass ihm zuweilen der rote Faden zu entgleiten droht. Freilich sollte dieses Manko niemanden von der Lektüre abhalten - es winkt reicher Lohn.

Hartwig Stein: Inseln im Häusermeer

Eine Kulturgeschichte des deutschen Kleingartenwesens bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs

Verlag Peter Lang, Frankfurt a. M.

758 S., 168,- DM