New York verändert unaufhörlich sein Gesicht. Florierende, alteingesessene Geschäfte verschwinden von einem Tag auf den anderen, Synagogen verwandeln sich in chinesische Wäschereien oder alternative Kulturzentren, und in Vierteln, die gestern noch verrucht waren, steigen heute die Mietpreise ins Astronomische.

Und doch bleibt die Stadt in ihrer kontinuierlichen Verwandlung unverwechselbar, als bliebe alles beim Alten. Schon Klaus Mann machte diese Erfahrung als er 1936, neun Jahre nach seinem ersten Besuch, als Emigrant zurückkehrte. "New York hatte sich nicht geändert oder doch nur bis zu dem Grade, in dem eine Steigerung der eigenen Art, des eigenen Stils und Rhythmus eben Veränderung, Verwandlung mit sich bringt", erinnert er sich im Wendepunkt. In der Zwischenzeit waren berühmte Bauwerke entstanden: das Chrysler Building, das Empire State Building und vor allem das Rockefeller Center, in dem für Klaus Mann das "innerste Wesen der Stadt seinen dynamischen Ausdruck" fand. Es war eine Zeit, in der sich "die Idee New York" vollendete, und die aus Europa vertriebenen deutschen Intellektuellen, die in Amerika Zuflucht gefunden hatten, wurden zu Zeugen dieser glorreichen Epoche, die das Bild der Stadt bis heute prägt.

Doch die Gebäude sind beständiger als die Erinnerung an die, die einst über sie schrieben und in ihnen lebten. In Midtown Manhattan steht unverändert das kleine Hotel Bedford, "sehr zentral gelegen, in der vergleichsweise stillen Vierzigsten Straße, zwischen der geschäftigen Lexington Avenue und der fashionablen Park Avenue", die deutschen Schriftsteller aber, die hier vor 60 Jahren ihr "Hauptquartier" aufgeschlagen hatten, hat man vergessen. Nein, von einem Klaus Mann wüssten sie nichts, aber der Schriftsteller Peter Mann, der habe wohl früher hier gewohnt, erfährt man auf Nachfrage.

Vor 60 Jahren kannte man Klaus Mann dort sehr wohl. In seinem Tagebuch beschreibt er, wie er einmal stutzte, als er an der Rezeption seine Heimatanschrift angeben sollte. Der Portier verstand ihn sofort: "after all, this is your home." In der Tat war das zurückhaltend elegante Hotel Bedford mit seiner verzierten Backsteinfassade fast so etwas wie ein Zuhause für den rast- und heimatlosen Klaus Mann und seine Schwester Erika. Sie wohnten hier erstmals bei ihrem Besuch im Winter 1936, als das Kabarett Pfeffermühle im Chanin-Building um die Ecke sein erfolgloses Gastspiel gab. Danach blieben beide dem Hotel treu und warben bald andere Stammgäste, darunter auch die Eltern.

Wie man seinen Tagebüchern entnehmen kann, empfand Thomas Mann das Hotel als angenehm und behaglich und freute sich über die Ergebenheit des Geschäftsführers. In seiner Zeit als Professor in Princeton blieb er bei längeren Aufenthalten im Hotel Bedford und bevorzugte eine Suite im Turm, die seinem Repräsentationsbedürfnis entsprach. Hier hielt er Hof, wie im Februar 1938 bei einer viel beachteten Pressekonferenz, in der der berühmte Satz "Where I am, there is Germany" fiel. Die Tochter Monika erinnert sich an die Audienzen, die der Vater "in der gedämpften ,Suite' ... mit dem handdicken Bodenbelag, den fraisfarbenen Fauteuils" und "goldgerahmten Spiegeln, vor denen Gladiolen ihre etwas hohle Pracht entfalteten" gewährte.

Eine Nacht in der Turmsuite Nummer 1701 kostet heute 275 Dollar, und obgleich Mobiliar und Teppiche nicht mehr die alten sind, so ist doch der gedämpfte Charakter geblieben, ebenso wie der Blick auf das Chrysler Building. Hoch entrückt über dem Verkehrslärm herrscht hier eine sonderbare, unwirkliche Ruhe, die es Thomas Mann sogar ermöglichte zu arbeiten. Im Mai 1938 beendete er hier seinen Schopenhauer-Essay, und bei einem späteren Aufenthalt im Frühjahr 1939 schrieb er am siebenten Kapitel von Lotte in Weimar.

Zur gleichen Zeit arbeiteten die Kinder in ihren Hotelzimmern an eigenen Büchern, wie dem in Amerika erfolgreichen Escape to Life, einer Art Who's who? der Emigration. "Während wir in unserem ,apartment' an Escape to Life werkelten, trafen sich die im Buch geschilderten Personen, oder doch manche von ihnen, unten in der Bar zur ,cocktail party'." Zu diesen "Bedford-Habitués" von denen Klaus und Erika Mann berichteten, gehören unter anderem der Arzt und Dichter Martin Gumpert, der Reporter Curt Rieß und der damals noch weitgehend unbekannte Filmregisseur Billy Wilder. Bei einem Preis von drei Dollar pro Nacht für ein Einzelzimmer mit Bad lag das Hotel in der mittleren bis gehobenen Preisklasse, wie heute, wo Doppelzimmer immerhin schon von 150 Dollar an zu haben sind. Inmitten von Sehenswürdigkeiten wie der Uno, dem Times Square oder den Empire State und Chrysler Building, die alle bequem zu Fuß zu erreichen sind, liegt es doch fast beschaulich, soweit das in Manhattan möglich ist.