Ringsum ist es Nacht. Zeit der Gespenster, Zeit des Verbrechens. Paris im Jahre 1992, alles schläft. Die rüstige Leni Riefenstahl entert den Balkon eines Hauses. Sie bricht ein in die Wohnung der siechen Marlene Dietrich.

Ziel dieser nicht ganz legalen Anstrengung ist ein großes, letztes Projekt.

Riefenstahl will Kleists Amazonen-Drama Penthesilea verfilmen - und zwar mit der Dietrich in der Hauptrolle. Unglaublich, aber wahr, so fängt die Geschichte an, die uns die junge Autorin Thea Dorn in ihrem ersten Bühnenstück erzählen möchte. Es trägt den Titel Marleni und handelt von der Begegnung der beiden deutschen Filmdiven. Allerdings nicht im Berlin der zwanziger Jahre, dort immerhin werden sie sich das ein oder andere Mal über den Weg gelaufen sein, sondern als Heimsuchung in besagter Pariser Nacht.

Eine schöne Fantasie. Was wohl hätten sich die zwei Frauen zu sagen?

Selbstverständlich, die leidige Vergangenheit. "Du alte Nazinutte", entfährt es der einen, "du alte Amihure", bellt die andere zurück. Nach diesem Schlagabtausch scheinen die Fronten geklärt. Doch wohlgemerkt, man beschimpft und duzt sich, wie es nur alte Bekannte tun. Die kurze, pflichtgemäße Reminiszenz an die so verwickelte wie unselige Geschichte bildet nur den Einstieg. In Dorns Stück ist derlei bald unwichtig geworden, schließlich geht es um andere, wesentlichere Einsichten. Innenwelten sollen eröffnet und der Blick auf Befindlichkeiten soll freigelegt werden. Von Enttäuschungen über die Männer ist da die Rede, vom Kinderkriegen und Muttersein, von Familie, Feminismus, Karriere und Greenpeace und all den anderen Themen, die eine Frau von heute so bewegen.

Und so kommt es, wie es kommen muss. Wenn schon die Zeit nicht alle Wunden heilt, dann immerhin ein kräftiger Schluck aus der Flasche. Nach den Rechtfertigungstiraden der unverbesserlichen Riefenstahl und einigen lesbischen Anmutungen der etwas verwahrlosten Dietrich liegen sich beide - zwar nicht mehr ganz nüchtern, doch irgendwie glücklich - endlich in den Armen. Die Verschwesterung ist total und besiegelt sich im tiefen Einverständnis, dass "man sich mit jedem Jahr ein Stückchen weiter von den Tatsachen entfernt. Bis sie nur noch kleine schwarze Punkte am Horizont sind." Dies ist die Nacht des Vergessens. Dermaßen erleichtert, werden alsbald neue Pläne ersonnen: den triumphalen und ach so skandalösen Einzug in Berlin, durchs Brandenburger Tor bis nach Babelsberg. Gerade noch rechtzeitig eilt der Tod zur Hilfe und rafft die Dietrich dahin. Aus der Traum. Ende des Stücks.

Dorns Bühnenerstling versucht sich an einer Art Wiedergutmachung. In der Tat erfreuen sich Leni Riefenstahl und Marlene Dietrich, hierzulande nicht allzu großer und schon gar nicht ungeteilter Beliebtheit. Dies hat allerdings sehr unterschiedliche Gründe. Denn während der einen Diva die Liaison mit dem Naziregime eine nur bescheidene Nachkriegskarriere bescherte, haftet der anderen wegen ihres Engagements für die Alliierten bis heute der Ruch der "Vaterlandsverräterin" an. Eigentümlicherweise möchte sich die 29-jährige Autorin, die sich zuletzt mit einigen Kriminalromanen (Berliner Aufklärung, 1994, Ringkampf, 1996, und Die Hirnkönigin, 1999) bekannt machte, mit solchen Unterschieden nicht über Gebühr aufhalten. Viel lieber kokettiert sie mit schwesterlichem Versöhnungskitsch - bis dass der Tod euch eben scheidet.