Das Bild des von den Nazis im Alter von 33 Jahren am 22. Dezember 1944 in Plötzensee hingerichteten Harro Schulze-Boysen ist in der Nachkriegsliteratur in Ost und West unterschiedlich gezeichnet worden. Im Westen galt er als "geistiger Abenteurer" (Gerhard Ritter), dem man vorwarf, ein Landesverräter zu sein. In der DDR wiederum wurden die Mitglieder der Widerstandsgruppe um Schulze-Boysen/Arvid Harnack zu Helden des antifaschistischen Widerstands stilisiert. Nach 1945 hatten beide Seiten kein Problem damit, den von der Abwehr und der Gestapo einst in diffamierender Absicht gebrauchten Begriff "Rote Kapelle" weiterzuverwenden.

Erst nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten setzte ein Umdenken ein. Die Widerstandsgruppe Schulze-Boysen/Harnack begann zunehmend die Würdigung zu erfahren, die man ihr lange Zeit vorenthalten hatte. Zu diesem Umdenken beigetragen hat insbesondere der Historiker Hans Coppi, der zusammen mit Geertje Andresen die vorliegenden Briefe Schulze-Boysens sachkundig zusammengestellt und herausgegeben hat. Coppi, Sohn des ebenfalls wegen ihrer Aktivitäten für die Rote Kapelle hingerichteten Ehepaars Hans und Hilde Coppi, hat bereits vor Jahren auf der Basis bisher nicht bekannter Archivalien eine verdienstvolle biografische Studie (Harro Schulze-Boysen, Verlag Dietmar Fölbach) vorgelegt, mit der er neue Akzente setzen und der Widerstandsforschung neue Wege weisen konnte.

Der Widerstand gegen das NS-Regime hat sich nicht erst 1939 formiert, sondern geht zurück bis in die letzten Jahre der Weimarer Republik. Coppi belegt diese These durch bisher weitgehend unveröffentlichte Briefe Schulze-Boysens, die nicht nur den Entwicklungsgang eines jungen Mannes aus gutbürgerlichem Haus in einer Zeit gewaltiger sozialer und politischer Umbrüche spiegeln, sondern auch deutlich machen, dass die Freundeskreise, Freizeitgemeinschaften und Diskussionszirkel, in denen Schulze-Boysen verkehrte, den Nationalsozialismus schon sehr früh als eine Gefahr für Deutschland ansahen.

Eines der spannendsten Kapitel im Entwicklungsgang Schulze-Boysens ist die Mitarbeit beim Gegner, einer Zeitschrift, die jenseits alter Fronten und Doktrinen bemüht war, Mitstreiter aus verschiedenen Lagern zu sammeln.

Entscheidende Impulse gingen dabei von Gruppen der Jugendbewegung aus, von Bündischen wie dem legendären Eberhard Kölbel ("tusk"), aber auch von Vertretern der "Konservativen Revolution" wie Oswald Spengler, Edgar Jung, Ernst Jünger und Arthur Möller van den Bruck.

In seiner Gegner-Arbeit wurde der 22-jährige Schulze-Boysen finanziell und ideell unterstützt unter anderem von Alfred Schmid, der dem Grauen Corps als Jugendführer vorstand, einem Bund, der, paramilitärisch ausgerichtet, auf Jüngere eine geradezu magische Anziehungskraft ausgeübt haben soll.

Wie weit der Einfluss von Alfred Schmid ("Fred") auf Harro Schulze-Boysen war, ist umstritten. Eine Zeit lang verband sie die Vorstellung, es gäbe einen Dritten Weg zwischen Sozialismus und Nationalismus. Unter dem Druck der Ereignisse, die der "Machtergreifung" Hitlers folgten und zur Einstellung des Gegners führten, trat zwischen beiden eine Phase der Entfremdung ein. In einem Brief an die Eltern vom 6. Dezember 1933 heißt es: "Er [Alfred Schmid] ist der einzige meiner früheren Mitarbeiter, dessen ich mich schäme, denn er hat feige seine früheren Ansichten verleugnet, um sich zu retten ..."