Solange Helmut Kohl als Mitglied der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag sitzen wird, solange wird die Union gehemmt sein und unglaubwürdig. Wenn sie eine härtere Gangart gegen Gesetzesbrecher fordert, wird sie Hohn ernten. Ausgerechnet Christdemokraten, die seit jeher für Recht und Ordnung eintreten, dulden in ihren Reihen einen Volksvertreter, dem das Gewissen gebietet, Recht zu brechen. Das ist Gift für die CDU und eine viel größere Gefahr als die der Spaltung.

Kohl müsste sein Mandat als Abgeordneter niederlegen, wie das ein Ehrenmann tut, der sich für das Gewissen entscheidet und gegen das Gesetz. In der Tat ist das eine Frage der Ehre: dass ein stolzer Bürger seine politischen Ämter aufgibt, sobald er nicht mehr anders kann oder will, als in der Illegalität zu verharren.

Das war laut Kohl nur ein "Fehler". Er ist nicht einmal bereit, den zu beheben. Die Spender nennt er nicht. Und auch sonst erschwert er die Arbeit derer, die sich im Auftrag von Justiz, Bundestag oder CDU um Klarsicht mühen. Seine Helfer Horst Weyrauch, Hans Terlinden und Uwe Lüthje - die drei bindet, soweit man weiß, kein Ehrenwort - hat Kohl nicht ermuntert, sich ehrlich zu machen und wenigstens das zu offenbaren, was sie offenbaren können, ohne sich selbst zu belasten. Kohl hält das Maul, statt sich ans Gesetz zu halten.

Trotzdem wünscht Parteichef Wolfgang Schäuble, dass der Staats- und Dunkelmann "in der Mitte der Union bleibt"; der Bundesvorstand denkt nicht mehr daran, gegen ihn zu klagen. Sie schonen Helmut Kohl - und fordern Schonung für die CDU: Bundestagspräsident Wolfgang Thierse dürfe, wenn er von Amts wegen Strafgelder erwirke, die Partei nicht ruinieren.

Wieder einmal das uralte Anspruchsdenken, als gehörten dieser Partei Staat und Staatsgelder. Die Christdemokraten bekunden genau das, wovon sie sich vorgeblich lösen wollten: die Arroganz der Macht, selbst dann noch, wenn die Macht verloren gegangen ist. Trotz aller Rechtsbrüche will die CDU den Hauptverantwortlichen Kohl nicht wirklich zur Rechenschaft ziehen, weil er nach wie vor viele Getreue hat. Doch erwartet sie, dass der Präsident des Bundestags die Partei so glimpflich wie möglich behandelt - im Namen der Demokratie. Etwa jener Demokratie, die Kohl vorlebt?

Nichts wird gelöst, und es bleibt beim Patriarchat, wenn die CDU bloß gegen den Adjutanten Weyrauch vorgeht, nicht aber gegen den Kommandanten Kohl. Bezeichnend ist das, abstoßend und für die CDU auch demütigend. Die Herrschaftspartei will gegen die zweite Garde "alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen"; und der hessische Ministerpräsident Roland Koch wird "brutalstmöglich" handeln. Doch wie steht's um die erste Garde? Koch, der nichts Genaues nicht gewusst haben will, gibt sich nun als Großaufklärer. Schäuble, der seinen Bargeldbetrieb verschwieg, wird fast wieder zum Hoffnungsträger. Kohl lässt sich von den Hanseaten feiern. Warum haben sie ihm applaudiert, die "ehrbaren Kaufleute" aus Hamburg und das Fußvolk aus Bremen, das zu "null Toleranz für Rechtsbrecher" neigt?

Es war ein seltsames Vorspiel zu der am Montag angekündigten Kampagne "Dieses Land braucht eine starke CDU". Unweit von Deutschland, in Italien, ist die Christdemokratie daran zuschanden geworden, dass ihr das Rechtsbewusstsein mehr und mehr abhanden kam. Auch die CDU hat vorderhand als unbelehrbar zu gelten, wenn sich die Parteispitze von denen beeinflussen lässt, die zwar den Werteverfall beklagen, deren Maßstäbe aber - sobald es ums Geld geht - dehnbar sind wie ein Kaugummi.