Urahn Friedrich Krupp gründete einst die größte Gussstahlfabrik der Welt. Sein Nachfahr Friedrich von Bohlen und Halbach hat mit der Metalltradition nichts im Sinn ("Eisen und Stahl, das sind doch Branchen von vorgestern"). Der 37-jährige Biochemiker und Betriebswirt hat ein eigenes Unternehmen, das ihn auf Trab hält, die Heidelberger Lion Bioscience AG. Zusammen mit befreundeten Wissenschaftlern erforscht er das Erbgut. Inzwischen sind die Heidelberger so weit, dass sie nicht nur DNA-Sequenzen entschlüsseln, sondern auch den Zugang zu den 350 öffentlichen Gendatenbanken auf der ganzen Welt herstellen können. Bisher litten die Erbgutforscher nämlich unter dem Stasi-Syndrom: Sie erstickten unter Bergen von Informationen. Bohlen hat die Lösung: eine Software, die den Forschern Daten aus verschiedenen Disziplinen zugänglich macht. Denn erst wenn die Gensequenzen mit klinischen und pharmazeutischen Daten verknüpft werden, wird der genetische Code zum Geschäft. "Was SAP für die Büroorganisation ist, sind wir für die Pharmabranche", erklärt Bohlen stolz.

Ganz so berühmt wie die Softwareschmiede im nahen Walldorf ist das Bioinformatikunternehmen Lion zwar noch nicht, doch die Arzneimittelindustrie hat angebissen, und der Laden wächst. Knapp drei Jahre nach der Gründung ist Lion ein 200-Mann-Unternehmen geworden.

Die Evotec-Maschinen sehen für Laien aus wie eine große Bastelarbeit aus Lego und Fischer-Technik, doch Arzneimittelforschern können sie eine Menge Zeit sparen. Während Pharmazeuten früher jedes Reagenzglas einzeln beäugen mussten, begutachten die Hamburger Roboter mit ihren Laseraugen täglich bis zu 100 000 Proben in Miniaturgefäßen. Hochdurchsatz-Screening nennt man das im Fachjargon. Unter Experten gelten die Evotec-Roboter in ihrer Nische deshalb ebenso als Weltmarktführer wie das Antikörper-Archiv von Morphosys oder die Software von Lion.

Lange Zeit waren solche Erfolgsmeldungen hierzulande undenkbar. Die deutsche Pharmabranche - bis Anfang der achtziger Jahren die Apotheke der Welt - war gewaltig zurückgefallen. Dass Bayer, BASF und Schering kaum noch mithalten können, fällt besonders auf, seit immer mehr Wettbewerber aus Großbritannien und den USA fusionieren. Die Schwäche von Bayer & Co hat allerdings ältere Ursachen. "Die Deutschen haben den Paradigmenwechsel von der Chemie zur Biologie verschlafen", urteilt Karsten Henco, der selbst jahrelang bei einem Pharmakonzern arbeitete, bevor er 1993 mit Partnern Evotec gründete. "Hierzulande produzierten Chemiker Substanzen, die sie einem Hund zu fressen gaben - je nachdem, ob der Herzrasen bekam oder pinkeln musste, hatten sie ein Blutdruckstimulans oder ein Entwässerungsmittel erfunden", spottet er über die Blütezeit der deutschen Arzneiforscher. Damit war's vorbei, als anderswo auf der Welt die Genbiologen aktiv wurden.

Das begann in den siebziger Jahren, und bis heute ist die Biotechnologie Gegenstand heißer Debatten - auch beim anstehenden Davoser Weltwirtschaftsgipfel wieder. In Deutschland war dieser Forschungszweig besonders umstritten. Noch im Trauma der Nazizeit, fürchtete man, allzu intime Kenntnisse über das menschliche Genom könnten den Wunsch nach dem Mustermenschen neu beflügeln. Auch die Genexperimente, mit denen sich schädlings- oder pestizidresistentes Saatgut züchten lässt, stieß bei den Naturfreunden in Deutschland auf erbitterten Widerstand. Dass die Genforschung in einer dritten Disziplin - der Pharmaforschung - Millionen Patienten Nutzen bringen kann, wurde darüber fast vergessen.

Inzwischen hat sich die Situation weitgehend geklärt: Die Manipulation an menschlichen Keimzellen ist hierzulande grundsätzlich verboten. Die Anbieter der Agrogentechnologie (Monsanto, AstraZeneca, Novartis) haben sich durch allzu heftiges Werben für das High-Tech-Getreide selbst ins Aus befördert. Dagegen ist die Gentechnologie, die der Medizin dient, inzwischen anerkannt. Das spiegelt sich in der Verbrauchermeinung wider: Regelmäßig sprechen sich rund 60 Prozent gegen die Turbopflanzen aus. Dagegen befürworten ebenso viele die Gentechnik in der Arzneimittelforschung.

Auch in der Gesetzgebung hat sich das niedergeschlagen. Die strengen Regelungen der frühen achtziger Jahre, die Firmen und Forscher ins Ausland trieben, wurden gelockert. Einige der jungen Naturwissenschaftler, die damals auswanderten, sind wieder zurückgekehrt: So gab der Deutsche Bernd Seizinger einen hoch dotierten Managementposten in den USA auf, um die Geschäfte des 1997 in München gegründeten Bio-Tech-Unternehmens Genome Pharmaceuticals zu führen.