Seit 100 Jahren verleihen deutsche Hochschulen das Diplom als akademischen Grad. An der Ruhr-Universität Bochum wurde es jetzt zum Auslaufmodell erklärt. Als erste deutsche Uni beginnt die Hochschule damit, die Diplomstudiengänge für angehende Naturwissenschaftler abzuschaffen. Stattdessen führen die naturwissenschaftlichen Fakultäten vom kommenden Wintersemester an gestufte Studienabschlüsse nach angelsächsischem Muster ein: Nach sechs Semestern können die Studenten den akademischen Grad eines Bachelor erwerben, nach weiteren vier Semestern den eines Master. Die Geisteswissenschaftler planen das Gleiche.

Man wird sich in Deutschland an den neuen Studienrhythmus und die neuen Titel gewöhnen müssen - denn am vergangenen Freitag sprach der Wissenschaftsrat in Berlin die Empfehlung aus, gestufte Studiengänge wie in Bochum bundesweit zur Regel werden zu lassen. Was dieses Expertengremium empfiehlt, hat Gewicht. Bund und Länder sind per Abkommen verpflichtet, auf seinen Rat zu hören.

Es geht um mehr als neue Etiketten. Von den neuen Studienstrukturen verspricht sich der Wissenschaftsrat die Lösung vieler Probleme. Weil die neuen Abschlüsse internationalem Brauch entsprechen, könnten deutsche Studenten leichter im Ausland studieren. Bisher wird dies dadurch erschwert, dass das deutsche Diplom - ebenso wie der deutsche Titel Magister - im Ausland oft nur als erster akademischer Abschluss gewertet wird. Vergleichbar sind die deutschen Titel jedoch eher mit dem international bekannten Master, der den Abschluss eines Postgraduiertenstudiums bescheinigt. Umgekehrt schreckt die international nicht kompatible Struktur Ausländer von einem Studium in Deutschland ab.

Neben der Anpassung an internationale Standards soll die neue Struktur des Studiums die Hochschulen durch kürzere Studienzeiten entlasten, die Zahl der Abbrecher soll sinken, die Absolventen sollen früher und besser vorbereitet ins Erwerbsleben eintreten.

Würden die Empfehlungen des Wissenschaftsrats an den deutschen Hochschulen wirklich umgesetzt, bedeutete dies die erste echte Studienreform seit dem Entstehen der Massenuniversitäten in den siebziger Jahren.

Wer an einer deutschen Universität oder Fachhochschule studiert, für den gilt bislang das Motto "Alles oder nichts". Die herkömmlichen Studiengänge, die von den neuen abgelöst werden sollen, führen den akademischen Nachwuchs in durchschnittlich sechs bis sieben Jahren zum Diplom oder Magister. Während ein durchschnittlicher holländischer Jungakademiker den ersten Hochschulabschluss mit 23 Jahren in der Tasche hat, feiert sein deutscher Kommilitone seinen 28. Geburtstag noch als Student. Wenn er nicht gar zu den vielen Gescheiterten zählt: Sage und schreibe jeder vierte Studienanfänger beendet das Studium seines ersten Fachs ohne Abschluss. Eine wichtige Ursache dafür sind der fehlende Bezug zur Praxis, die überfüllten Lehrveranstaltungen und die mangelnde Betreuung an den modernen Großuniversitäten.

"Wenn es in einigen Studienfächern bis zu 80 Prozent Studienabbrecher gibt, kann ich das als Hochschullehrer nicht hinnehmen", sagt Harro Müller-Michaels. Der Germanistikprofessor ist in Bochum als Prorektor für die Lehre zuständig. Seit Jahren kämpft er für ein zweigliedriges Studium. Studenten an einer unübersichtlichen Massenuniversität, sagt er, verlangten eine andere Behandlung als Privatgelehrte im vorigen Jahrhundert. "Die Studenten wünschen sich zu Beginn des Studiums mehr Beratung und Führung", sagt Müller-Michaels. Mit einem klar strukturierten Bachelor-Studium als erstem berufsqualifizierendem Abschluss komme man dem entgegen. Wer sich darüber hinaus wissenschaftlich qualifizieren wolle, könne sich anschließend für ein Master-Studium entscheiden. "Es ist doch besser, den Studenten die Freiheit langsam zu gewähren", sagt der rührige Reformer, "als sie gnadenlos scheitern zu lassen."