Vielleicht ist es das Ende einer kurzen, heftigen Liebesaffäre und die Rückkehr zu Wirklichkeitssinn und Vernunft. Internet-Aktien, 1999 fast ohne Ausnahme die absoluten Favoriten amerikanischer Investoren, verlieren zunehmend an Glanz. Einige ehemalige Stars der Branche sind tief gestürzt: EBay verlor seit seinem Höchststand bis zur Mitte der vergangenen Woche über 38, Amazon.com fast 41 Prozent; die Aktie von priceline.com purzelte um 62, die von theglobe.com sogar um mehr als 80 Prozent. "Es gibt keinen Grund, Papiere einer schwachen Internet-Firma zu besitzen", resümiert Merrill Lynchs Internet-Analyst Henry Blodget.

Die Frage ist, ob mit dem Verfall einiger Web-Werte auch der Anfang vom Ende des langen amerikanischen Aktienbooms eingeläutet wird - und ob mit einem möglichen Kurssturz womöglich eine tiefe Rezession droht. 48 Prozent der US-Haushalte besitzen heute Aktien und Investmentfonds, mehr als doppelt so viele wie 1983. 37 Millionen US-Bürger haben ihr erstes Wertpapier nach 1990 gekauft und damit noch nie eine scharfe Korrektur oder einen Crash erlebt. Ist Panik die Folge, wenn die Junginvestoren richtig Geld verlieren - und kommt damit auch der Rest der US-Wirtschaft ins Trudeln?

Allerdings: Zwingend ist der Zusammenhang zwischen sinkenden Aktienpreisen und absackendem Konsum und Wachstum nicht. Zwei Drittel des in den neunziger Jahren in Amerika neu angehäuften Vermögens - zehn Billionen Dollar - lassen sich auf Aktiengewinne zurückführen. Studien ergaben jedoch, dass davon nur etwa vier Prozent in zusätzlichen Konsum fließen. Vermögensverluste durch eine allmähliche Marktkorrektur haben damit auf den Verbrauch - und auf die Gesamtwirtschaft - einen nur geringen Einfluss.

Anders verhält sich die Sache, wenn es an den Märkten zum freien Fall kommt. Niemand weiß, welche psychologische Wirkung ein neuer Schwarzer Freitag hätte. Sorgen bereitet Beobachtern vor allem, dass immer mehr Aktien auf Kredit gekauft werden. Der Zwang, diese Papiere selbst bei absackenden Preisen zu verkaufen, um Schulden zurückzuzahlen, würde einen Kurssturz weiter verstärken. Wirtschaftsforscher bei DRI McGraw Hill schätzen, dass ein Crash von 30 Prozent zu einer Rezession führen muss. Crashs sind freilich selten: Seit dem Zweiten Weltkrieg erlebten die USA einen derartigen Einbruch nur ein einziges Mal - nämlich Mitte der siebziger Jahre, als politische Krisen und der Ölpreisschock den Aktienmarkt um 43 Prozent nach unten rissen.

Der Optimismus und die Risikobereitschaft der Amerikaner haben damit trotz allem einige rationale Grundlagen. "Die Aktienpreise reflektieren unsere größten Hoffnungen für die Zukunft", findet Gail Fosler, eine Ökonomin in New York. Der Spielraum für Irrtümer ist allerdings ausgesprochen eng geworden. Schief gehen darf wirklich nichts.