Schon drei Jahre nach Firmengründung hatte Chan Suh, Kettenraucher und Chef des New Yorker Internet-Unternehmens Agency.com, gänzlich unbescheidene Ziele: "Weltmarktführer" wolle er werden, sagte der als Teenager nach Amerika eingewanderte Koreaner in seinem Büro am New Yorker Broadway. 15 Monate später rhapsodierte Suh, 37, dann über das rasante Wachstum, das sein Unternehmen inzwischen hingelegt hatte. Das Säuglingsalter sei im ersten Jahr, im zweiten die Kindheit, im dritten die Zeit als Student übersprungen worden, meinte der Web-Unternehmer. Jetzt, so Suh, werde Agency.com "in die reale Welt entlassen".

Damit war es Anfang Dezember so weit, als das Unternehmen, das Weltfirmen wie British Airways, Nike, Hitachi oder Compaq bei ihren Web-Strategien berät, den Heiligen Gral aller Internet-Neulinge erreichte: die Aufnahme in die Handelsliste an Amerikas High-Tech-Aktienmarkt Nasdaq. Am ersten Tag des Börsengangs sprang Agency.com von 26 auf einen Kurs von 76 Dollar. In den Büros am Broadway knallten die Sektkorken. Dutzende der 800 Angestellten des Unternehmens waren plötzlich um sechs- oder siebenstellige Summen reicher. Chan Suh selbst ist seither mehr als 250 Millionen Dollar wert.

Wundersame neue Welt. Agency.com ist nur eines in einer langen Reihe amerikanischer Internet-Unternehmen, das seinen Investoren, seinen Mitarbeitern und seinen Gründern über Nacht zu ungeahntem Reichtum verhelfen konnte. Seit Mitte der neunziger Jahre sind in den USA rund 170 "dot.com"-Firmen an die Börse gegangen. Ihr Wert wird inzwischen auf über eine halbe Billion Dollar geschätzt. Zwar scheint sich die Internet-Manie, die Amerikas Aktienmarkt auf immer lichtere Höhen feuerte, inzwischen ihrem wohlverdienten Ende zuzuneigen (siehe nebenstehenden Bericht). Dennoch bleiben die Web-Unternehmen für Netz-Apologeten die Boten einer neuen Zeit: einer "neuen Ökonomie" und einer von der Internet-Revolution und der Globalisierung getragenen Renaissance der weltweiten Wirtschaft, die - in den USA wie anderswo - alte Regeln außer Kraft setzt.

In der neuen Ära regieren Innovation und Ideen, Information, Kommunikation und Computer. High Tech führt zu höherer Effizienz und Produktivität; ständiges, stärkeres Wachstum ist ohne nennenswerte Inflation möglich; Einkommen, Profite und Kurse steigen. "Dow 36 000", gellte es im vergangenen Jahr vom Titel einer Neuerscheinung, in der ein dreimal höherer Wert für Amerikas wichtigsten Aktienindex vorausgesagt wird. "Der lange Boom" heißt ein anderes Buch, das eine globale Mittelklasse prophezeit, die gut die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen soll. Auch Amerikas Präsident stimmt in den Chor der Optimisten ein: Man habe die Chance, sagte Bill Clinton auf dem jüngsten Konklave der Sozialistischen Internationale in Florenz, die Gewinne der (neuen) Renaissance breit zu verteilen - breiter, "als es vor 500 Jahren möglich war".

In den lichten Höhen der Politik lässt sich dies leicht sagen. In den Niederungen der Theorie herrschen dagegen noch immer Zweifel daran vor, ob die "neue Ökonomie" wirklich angekommen ist. Er stehe im Nebel, bekannte Paul Krugman, einer der führenden Wirtschaftswissenschaftler der USA. Zwar sprechen die Zahlen eine klare Sprache: Auch im neunten Jahr des Booms wächst Amerikas Wirtschaft ohne Unterlass, zuletzt mit fast 5,5 Prozent. Gleichzeitig ist die Arbeitslosigkeit so niedrig wie seit 30 Jahren nicht mehr. Von Inflation aber zeigt sich kaum eine Spur. Dennoch bleibt Skepsis. "Ich habe in meinem Leben", sagte Amerikas oberster Wirtschaftsguru, Fed-Chef Alan Greenspan, "zu viele vermeintlich neue Zeitalter erlebt, die gekommen und wieder vergangen sind."

Klar ist inzwischen, dass die Ära der Information in den USA auf leisen Sohlen daherkam und erst während der vergangenen vier Jahre wie ein Sturm durch ihre Wirtschaft fegte. Nirgends zeigt sich dies besser als in der Entwicklung der wohl wichtigsten Kennzahl einer Ökonomie, der Produktivität. In den goldenen fünfziger und sechziger Jahren wuchs sie mit Jahresraten von drei Prozent, in den lauen Siebzigern stagnierte sie. Seit 1995 aber legt die Effizienz des Faktors Arbeit wieder um jährlich 2,6 Prozent zu. Wichtig dabei: Eine im November vorgenommene Revision der gesamten amerikanischen Wirtschaftsstatistik zeigt, dass die Produktivität erstmals Anfang der achtziger Jahre wieder leicht anzog - also genau zu dem Zeitpunkt, an dem Amerikas Unternehmen damit begannen, Computer und moderne Kommunikationsmittel einzusetzen.

Ohne Produktivitätswachstum, das bei gleichem Arbeitseinsatz den Ausstoß an Gütern und Diensten erhöht, gibt es keinen Anstieg des Lebensstandards. Höhere Steigerungsraten der Produktivität erhöhen zugleich das "Tempolimit" einer Ökonomie, also die Rate, mit der die Wirtschaft bei sinkender Arbeitslosigkeit ohne Druck auf die Preise wachsen kann. Genau dies aber - sagen die Propheten des Paradigmenwandels - ist die Situation, in der sich die USA derzeit befinden. Verantwortlich dafür: die Informationstechnologie und die Internet-Revolution, die Amerikas Wirtschaft - wie vor 100 Jahren der Einsatz von Elektrizität und Motorkraft - innovativer, leistungsfähiger und effizienter machen.