John de Mol wurde zweimal als großer Bruder bekannt: Erst als der im Schatten von Schwester Linda, dem strahlenden, trauenden, hausstiftenden blonden Star, dann als neo-orwellscher Big Brother der Gruppe von Freiwilligen, die sich im mittlerweile berühmten Fernsehbungalow von Almere dem Kampf um die Siegerprämie gestellt haben. Er gilt vielen als skrupelloser und ein wenig brutaler Unternehmer, der im Interesse der Shareholder-Values in seinen Shows "immer weiter geht" als die anderen, ein Antreiber des Extremfernsehens aus Holland, bei dem Journalisten nur die eine Frage einzufallen scheint: Wie weit wollen Sie noch gehen? Wo ist die Grenze? Ganz so, als ob es eine Geografie der Moral gäbe, die von kulturellen Praktiken des Publikums unabhängig wäre.

Doch was kann man über den erfolgreichsten unabhängigen europäischen Fernsehproduzenten darüber hinaus, gewissermaßen unter kulturanthropologischer Fragestellung, in Erfahrung bringen? Wie kann man seine Arbeit interpretieren? Nach welcher Logik werden hier immer neue Fernsehsendungen erfunden?

Wer zu John de Mol möchte, muss erstmal weit hinaus, dorthin, wo Holland am friedlichsten und am übersichtlichsten ist, zu den Vororten von Hilversum und noch ein Stück weiter bis zum Wald. Dann steht man vor einem sehr sauberen weißen Gebäude, auf dessen Parkplatz Bildschirme stehen, die Endemol-Sendungen in die Nacht hinausstrahlen. Man versteht: Das ist Sendungsbewusstsein.

Wer senden will, muss erstmal viel aufzeichnen. De Mol tut das ständig: "Vom ersten Moment, wenn ich aufwache, bis zu dem Augenblick, wo ich meine Augen schließe, läuft immer ein Computer im Hinterkopf mit: Was kann ich verwerten?" Damit ist die Quelle seiner Inspiration recht genau umrissen: Alltagsleben in Hilversum.

Für de Mol zerfällt Fernsehen in zwei Reiche: Nachrichten und Unterhaltung. Von Nachrichten versteht er nicht viel. Deswegen produziert seine Firma fast von allem, was man auf Bildschirme senden kann, vom Spielfilm über den Dokumentarfilm zur Daily Soap, aber keine einzige Nachrichtensendung, auch kein Infotainment. Da müsste er sich ja ganz auf andere verlassen, und das will er nicht. Aber ob etwas unterhält, ob es Tempo hat, Witz und vor allem Spannung, das kann er noch im Schlaf beurteilen. Als Kind und Jugendlicher wollte er Profifußballer werden, also im Herzen der holländischen Unterhaltung agieren. Als das nichts wurde, hat er es kurz mit der Musik versucht und landete schließlich beim Fernsehen. Dort, im Reich der Fernsehunterhaltung, ist er heute noch lange nicht der König, aber doch ein sehr prominenter und eifriger Söldnerführer: Ohne seine Produkte gibt es keine Marktführerschaft. De Mol muss bestrebt sein, seine Markenartikel fortwährend zu verbessern, ohne aufzufallen. Schließlich, so erklärt er, "sollen sich die Zuschauer nicht auf einen Endemol-Abend freuen, sondern auf einen Sat1- oder RTL-Abend". Daher werden die Shows maßgeschneidert: Für den spanischen Kunden wird eine längere Version von Nur die Liebe zählt geliefert, weil die Moderatoren da auch immer nach der Gesundheit der Familien der Kandidaten fragen müssen. Und in Italien bricht die Einschaltquote sofort ein, wenn nicht ständig Riegen von schönen Frauen im Bild sind.

Im Reich der Vornamen und der Großaufnahmen

Doch das ist bloß das Konzept. Eigentlich geht es in den Sendungen trotz aller nationalen Variationen im Detail immer nur um eine einzige Frage: Tut er's oder tut er's nicht? Der Rest ist bloß Inszenierung. Alle Sendungen leben bloß von einem einzigen, entscheidenden Punkt, der Unvorhersehbarkeit menschlichen Verhaltens unter Beobachtung. Man erkennt eine Show aus dem Hause Endemol, wie John de Mols Produktionsfirma seit seiner Fusion mit seinem einstmals größten Konkurrenten Joop van der Ende heißt, sofort: Großaufnahmen mit Schweiß oder Tränen, ein geradezu idyllisch sympathischer Moderator, und alle nennen sich beim Vornamen. Jede Sendung steuert auf jenen dramatischen Höhepunkt zu, in dem sich die Einsamkeit des Kandidaten vor der entscheidenden Hürde offenbart. Je einsamer der Kandidat, desto geeinter die Fernsehzuschauer: Sie wandeln sich zur Gemeinde. Das ist der ganze Trick: Die Isolation im Studio vermittelt den Zuschauern indirekt ein Gefühl von Freiheit, Sicherheit und Einigkeit.