Es ist kalt am Hinterhainer Weg in Auerbach, dennoch stehen die Menschen vor der Hausnummer 15 offenbar gerne auf der Straße. Junge Männer lungern an Straßenlaternen herum, deren Masten beschriftet sind von den vielen, die auch schon hier waren. In ihren großen schwarzen Vans mit Standheizungen warten Kamerateams.

Ein Nachbar fegt den Schnee vom Bürgersteig, auf dem vom langen Fegen längst keiner mehr liegt, bereit, seine Rolle als Nachbar zu spielen, für welchen TV-Sender auch immer. Er könne selbst einen Roman schreiben von dem ganzen Theater hier, meint der Mann, habe es im Prinzip nicht mehr nötig, hier zu sein. Er sagt, er gebe keine Interviews mehr, und redet dann doch immer weiter, wie gerne er diese Frau Zindler "auf den Mond" schießen würde. Im rosa Kampfanzug sei sie vorhin auf und ab gerannt, allein das schon. Die Worte des Nachbarn wehen hoffnungsvoll hinaus auf den Gehsteig: Vielleicht fängt sie ja dort doch noch ein Mikrofon ein.

Ort der Handlung ist die kleine Straße in Auerbach. Die Hauptdarstellerin heißt Regina Zindler, eine seit zehn Jahren arbeitslose 51-jährige Sekretärin, eine Frau von gedrungener Gestalt, mit einer lauten Stimme und "vom Charakter her zum Zank aufgelegt", wie der Lokalreporter Michael Winkler vom örtlichen Vogtland-Anzeiger meint. Einmal hat sie eine Lehrerin abgewatscht, ein anderes mal dem Kollegen von der Zeitung aufgelauert. Und dann ist da noch Frau Zindler, die notorische Leserbriefschreiberin: Der Journalist müsse berichten, dass sie Recht habe, nicht die anderen. Von der Wesensart der Vogtländer habe die Zindler besonders viel abbekommen, sagt er. Sie seien ein kleines, zänkisches Bergvölkchen.

In den Nebenrollen: Frau Zindlers Nachbarn, Gerd Trommer und Günter Ebert. Zwei Männer in ihren Fünfzigern, deren Leben bis vor ein paar Wochen keine großen Überraschungen bot zwischen der Arbeit und dem kleinen Häuschen mit Garten. Außerdem spielen noch mit: anwohnende Randfiguren und rund 21 000 Statisten, die Einwohner Auerbachs. Und natürlich die Fernsehsender, die sich um diesen Schauplatz streiten. Sowie Millionen von Zusehern, von denen sich so manche vor Ort einfanden, um das am TV-Gerät Gesehene mit der Wirklichkeit zu vergleichen.

Vor 20 Jahren hatte hier der Streit der Frau Zindler begonnen. Nachbar Gerd Trommer hatte einen Knallerbsenstrauch gepflanzt. Ein paar seiner Zweige wuchsen in den von Frau Zindlers Mann noch zu DDR-Zeiten gebauten Drahtzaun, auf den man doch so stolz war. Für Zindlers eine schwere Bedrohung: Der Zaun könnte doch rosten. Auch der direkte Nachbar von Regina Zindler, Herr Ebert, der seit 27 Jahren Wand an Wand mit Frau Zindler in der grau verputzten Doppelhaushälfte wohnt, wurde in den Streit um den Zaun verwickelt.

Schon 1991 habe die Mutter von Regina Zindler, "ein ebenfalls cholerischer Charakter", so Richter Horst Liebhaber vom Amtsgericht Auerbach, gegen den Nachbarn Trommer geklagt. Doch die Klage wurde abgewiesen. Weil sich Frau Zindler durch die Nachbarn, die Lokalzeitung und durch die Justiz um ihr gutes Recht gebracht sah, verließ sie am 28. Oktober vergangenen Jahres Auerbach - und ging weit weg, in die Gerichtssendung von Sat.1: Ein Fall für Barbara Salesch. Wäre sie zum Amtsgericht Auerbach gegangen, sagt Richter Horst Liebhaber, dann hätte man sicher eine Einigung gefunden. Er war ja schon selbst kurz davor, mit einer Schaufel bei Herrn Trommer vorbeizukommen und den Strauch höchstpersönlich umzupflanzen. Aber die Geschichte nahm nun ihren eigenen Verlauf.

Das Team von Stefan Raab sah diese Gerichtssendung - ständig auf der Suche nach Skurrilitäten und Trash im Fernsehen, die Raab bei der ProSieben-Sendung TV Total präsentiert. Da hörten sie, wie Frau Zindler in ihren Attacken auf den Nachbarn im feinsten Sächsisch gigantische Satzgebäude konstruierte, und jedes zweite Wort lautete: "Moaschendroahtzauun". Raab nahm diesen Ausschnitt in seine Sendung und dichtete ein englisches Countrylied um das zentrale Wort. Der Song kam in die Charts, verkaufte sich eine Million Mal, von jeder CD gab er Frau Zind- ler später zehn Pfennig ab. Damit war für Raab die Sache gegessen. Heute spricht er kein Wort mehr über das Thema.