Jeder Mann weiß: Wer groß werden will, braucht eine gute Mutter". Das Urbild der bürgerlichen Geschlechterordnung plakatiert doppelseitig auf Anzeigen der Konzern Vodafone, dem um seine Existenz bange ist wie Kindern im Dunkeln. Und zeigt also keinen sorgenden Vater, sondern ein Baby, an der Mutterbrust saugend. Genauer gesagt: zeigt einen Babykopf an der Brust einer kopflosen Mutter, und die andere Brust liegt lockend frei - für jeden Mann eben, der groß und stark werden will.

Jedermann weiß nun allerdings auch, seit der erfolgreichen Klage von Tanja Kreil beim Europäischen Gerichtshof, dass deutsche Frauen - Mutterbrust hin oder her - freiwillig zur Bundeswehr einrücken dürfen. Männer und Frauen sind verschieden, sagt die Vodafone-Bildsprache, die mithilfe der weiblichen Mutternatur nach Kunden fischt, und sie kann sicher sein, dass sie damit die Macht tradierter Geschlechterbilder und also viele Betrachter auf ihrer Seite hat. Männer und Frauen sind gleich, sagt da das Gericht und trifft mit diesem Urteil nicht nur auf die einmütige Zustimmung der Parteien im Bundestag, sondern hat zudem die Mehrheit der Gesellschaft hinter sich. Kein Aufschrei war zu hören. Gegen dies bisschen Gleichheit tritt öffentlich fast niemand auf. Ganz zu Recht.

Die Frage nach dem kleinen Unterschied aber wird ab sofort an den unerwünschten Nebenwirkungen des Luxemburger Urteils erkennbar: Noch sind Männer zu einem Dienst verpflichtet, den Frauen als Beruf nur freiwillig wählen können, warum? Die Argumente, die für den freiwilligen Zugang von Frauen zur Bundeswehr sprechen - sprechen entweder auch für die Freiwilligkeit der Männer oder für die Wehrpflicht aller Bürgerinnen und Bürger. Oder nicht? Wie viel Gleichheit darf es denn sein, und welche?

Der Kult der Differenz führt ebenso zum Schutz wie zum Ausschluß

Statistik und Politik machen es sich allemal leichter als die Philosophie. Denn nun taucht in der Diskussion um die Wehrpflicht die Kategorie "Frau" im Singular auf, die sich längst in einen Plural, in die Vielzahl von Lebensformen und gemischten Identitäten der Geschlechter, also auch der Männer, aufgelöst hat. Natur, Gleichheit, Differenz und Weiblichkeit - plötzlich und auf einem unbequemen politischen Feld wird mit Begriffen hantiert, die in der Geschlechterforschung seit Jahren produktiv wanken, in einer seit Jahrzehnten schillernd weiten Landschaft der Theorie und Forschung.

Der Protest von schwarzen, lateinamerikanischen und lesbischen Frauen gegen die vereinheitlichende Kategorie "Frau" machte den Anfang: die Kategorie entspringe den Köpfen weißer heterosexueller Bürgerlicher und unterschlage die Vielfalt weiblicher Erfahrung und Unterdrückung. Mit der kinderhütenden Hausfrau in Iowa City hatte die schwarze Frau, die in die US-Armee ging, um ihren sozialen Ausschluss zu verhindern, nicht viel gemein. Die Philosophie Judith Butlers unternahm einen weiteren Schritt, um die Grenzen zwischen Natur und Kultur aufzulösen, und bestritt grundsätzlich die Tauglichkeit der Kategorien "Frau" und "Geschlecht". Die Geschlechtsunterschiede hielt sie nicht für natürlich gegeben, sondern für kulturell hergestellt und durch machtvolle Diskurse in die Körper eingraviert: "Man kann nämlich den Körpern keine Existenz zusprechen, die der Markierung ihres Geschlechts vorherginge." Dies war zweifellos ein gewaltiger Befreiungsschlag, um das Tonnengewicht vermeintlich natürlicher Bestimmung abzuschütteln. Nur: die faktische Situation von Frauen, die um die Freiheit und Qualität ihrer Lebensgestaltung kämpfen, geriet dieser differenzierenden Subjektphilosophie bisweilen aus dem Blick.

Während etwa bei der Reform des Paragraphen 218 um die Souveränität über den weiblichen Körper gerungen wurde, drohte in der Philosophie die Natur der Körper hinter den Diskursen zu verschwinden. Und als 1995 die Weltfrauenkonferenz der Vereinten Nationen einklagte, dass die allgemeinen Menschenrechte auch Frauenrechte sein müssten, interessierte sich manche Philosophin mehr für das Spiel der Differenzen als für die Frage, wie man auch den Frauen weltweit das Recht auf Unversehrtheit, auf Eigentum, auf freie Meinungsäußerung, Wahl der Ehe und des Berufs sichern könnte, die ihnen die Declaration of Rights von 1948 zubilligte. Das Dilemma, wie man die Differenzen der Geschlechter hervorheben könne, ohne zugleich Benachteiligungen fortzuschreiben, machte es notwendig, die Diskussion um die Menschenrechte zu differenzieren, und der Kasus ist keineswegs abgeschlossen. "Ohne irgendeine Unterscheidung wie etwa nach Rasse, Farbe, Geschlecht, Sprache, Religion ..." sollten die Menschenrechte gelten, doch faktisch wussten und wissen viele Frauen der Welt nicht einmal um diese Rechte - gerade weil sie keineswegs gleich sind.