Sind Physiker eine bedrohte Spezies? Brauchen sie verstärkte Zuwendung, vielleicht gar besonderen Schutz? Ganz abwegig scheinen solche Gedanken nicht. Kaum sind das "Jahrhundert des Kindes", das "Jahrzehnt der Katastrophenvorbeugung" und das "Jahr der Senioren" glücklich zu Ende, ruft die Bundesforschungsministerin das "Jahr der Physik" aus. Sie wolle "dem Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft neue Impulse geben" und das "Schlaraffenland des Wissens" für alle nutzen, sagt Edelgard Bulmahn.

Nun könnte man verwundert fragen, warum diesen Dialog gerade die Physiker führen sollen, wo doch die spannendsten Erkenntnisse derzeit aus den Biowissenschaften kommen. Doch erstens ist das Jahr der Physik nur der Beginn einer mehrjährigen Initiative, in deren Verlauf auch Geo- und "Lebenswissenschaften" zu Wort kommen sollen. Und zweitens spüren die Physiker derzeit vielleicht am dringendsten das Bedürfnis, sich einem großen Publikum mitzuteilen. Seit Jahren schwindet ihre gesellschaftliche Bedeutung. Die Zeiten, da Relativitätstheorie, Kernspaltung oder Elementarteilchenphysik für Aufregung sorgten, sind vorbei. Sinkende Studentenzahlen und der immer schwierigere Kampf um öffentliche Fördermittel motivieren zusätzlich zum Dialog.

"Debatte und Kontroverse" versprach eine Talkrunde zum Auftakt des Physikjahres in der vergangenen Woche in Berlin. Stattdessen gab es wohlfeile Bekenntnisse zum Wert der Physik. Auf der Begleitausstellung dominierte nüchternes Gerät und Faktenwissen. Und wer im Internet unter www.physik-2000.de gespannt die heiße Rubrik hot physics anklickt, landet vorwiegend auf altbekannten Seiten der DPG und verschiedener Physikjournale: statt Hitze höchstens laue Wärme.

Aber hie und da gibt es auch hoffnungsvolle Ansätze. Wurde der Laie in Berlin mit anregenden Filmsequenzen gelockt oder durfte er selbst einmal seinen wissenschaftlichen Spieltrieb ausleben, stieg das Interesse spürbar an. Dann kam es tatsächlich zu dem viel beschworenen Dialog. Liebe Physiker, von solcher Experimentierfreude wünschen wir uns mehr. Noch ist das Jahr lang.