DIE ZEIT: Vor zwei Monaten erlebte die globale Wirtschaft beim Welthandelsgipfel in Seattle ein Debakel. Nun trifft sie sich in Davos wieder. Ist der Homo Davosiensis angeschlagen?

KLAUS SCHWAB: Nein. Das Scheitern von Seattle hat eher bestätigt, dass die Arbeit des Forums notwendig ist. Schon vor vier Jahren haben wir darauf aufmerksam gemacht, dass die Globalisierung nicht ungehemmt weitergehen kann. Nun wird die Gegenbewegung sichtbar, und wir haben darüber nachzudenken.

SCHWAB: Viele der Demonstranten haben nicht verstanden, worum es bei der Globalisierung geht. Wir müssen den Menschen die Globalisierung besser erklären und uns den Bürgerorganisationen und ihren Belangen zuwenden. Wir müssen wohl auch unsere Einstellung verändern. Lionel Jospin ist für eine Marktwirtschaft, aber nicht für eine Marktgesellschaft. Diese Aussage hat einen wahren Kern.

ZEIT: Was bedeutet "Soziale Marktwirtschaft" in einer globalisierten und digitalisierten Welt?

SCHWAB: Seit langem verfolgt das Forum die Idee eines "Unternehmertums im Interesse der Welt". Ich glaube fest, dass nur unternehmerisches Handeln wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt bringt. Aber wir können nicht gegen die Gesellschaft wirtschaften. Das heißt: Ohne die Wirtschaft abzuwürgen, müssen Umwelt- und Sozialbelange betont werden - wohlgemerkt nicht in einem traditionellen Vorsorgestaat, sondern nach modernen Maßstäben.

ZEIT: Sie plädieren für aufgeklärtes Eigeninteresse in den Unternehmen. Kann es sein, dass dieser Weitblick oft fehlt und die Proteste schon deswegen hilfreich sind?

SCHWAB: Sie verändern jedenfalls das Bewusstsein. Vergessen Sie aber nicht das unternehmerische Dilemma zwischen Verantwortung und Wettbewerbsdruck. Viele unserer Mitglieder leiden darunter, dass sie nicht so sozial handeln können, wie sie wollen. Der Homo Davosiensis hat sehr wohl ein Herz.