Eine Art Familientreffen im Berliner Schloss Bellevue. Unter den Gästen Arnulf Baring, Klaus Bölling, Peter Bender, Peter von Zahn, Carola Stern

BUNDESPRÄSIDENT JOHANNES RAU: Ist diese Debatte nicht Ausdruck einer allgemeinen Entwicklung? Sensationshascherei und Exklusivitis diktieren oft das Tagesgeschäft. Betroffene fühlen sich gelegentlich von Kampagnen- oder "Scheckbuchjournalismus" verfolgt. Die Kolportage ersetzt die Reportage. Der aufklärerische Gestus mancher Verunglimpfungen in Talkshows trägt fast orwellsche Züge. Ich habe manchmal den Eindruck, es gibt mehr Nachrichtensendungen als Nachrichten und mehr Talkshows als Gesprächsstoff. Oft werden die Grenzen von Information, Kommentar, Unterhaltung und Werbung verwischt. Politik ereignet sich als Medienspektakel.

THEO SOMMER: Was die Bundesrepublik in 50 Jahren geworden ist, das ist sie auch durch ihre Journalisten geworden. Die Prinzipien, an die sich die verantwortliche schreibende Zunft dabei im Großen und Ganzen hielt, sind einfach zu formulieren: Sagen, was ist. Sagen, was es bedeutet, furcht- los im Getümmel der Mächtigen, die es meist ganz anders gesehen haben möchten, im Widerstreit der Fakten und Ansichten, im Gewimmel der Details. Hinter den Fakten das Maßstäbliche suchen und den Sinn für Proportionen und Perspektiven wach halten. Tradieren, was es an intellektueller, künstlerischer, politischer Kultur gibt, um Zukunft in Herkunft zu verankern.

Die Sache des Journalisten ist es, die Dinge auf den Begriff zu bringen, die Menschen zum eigenen Denken zu führen. "Wo Herrschaft ist, da ist auch Unbehagen", hat Theodor Eschenburg formuliert. Dieses Unbehagen zu artikulieren ist die vornehmste Aufgabe der Presse. Die Prinzipien unseres Berufes müssen immer wieder neu erstritten und erkämpft werden. Sie sind es jedoch wert, nicht nur erhalten, sondern weitergegeben zu werden. Wir schwanken zuweilen zwi- schen Anpassung und Anmaßung, neigen zur Skrupellosigkeit. Alles in allem jedoch brauchen wir uns des Dienstes nicht zu schämen, den wir der Gesellschaft, dem Gemeinwesen leisten.

GERD RUGE: Im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik hatten die Funkhäuser eine starke geistige und kulturelle Funktion. Das Fernsehen hat die demokratische Entwicklung nicht nur begleitet, sondern aus eigener Kraft mitgeprägt und lebendig gemacht. Mit der kommerziellen Konkurrenz begann der Zielkonflikt zwischen einer sich aufklärerisch verstehenden Aufgabe und der Quote, dem Zuschaueranteil, mit dem Rundfunk und Fernsehen heute leben müssen.

Die Arbeit in den Redaktionen ist schwieriger geworden. Die Aufdeckung großer politischer oder wirtschaftlicher Missstände wird von Rundfunk und Fernsehen meist nur kommentierend begleitet. Ich hoffe auf neue, jüngere Redaktionen mit der Lust darauf, Themen spannend und anregend aufzuarbeiten. Rundfunk, Fernsehen und Presse werden sicherlich keine Institutionen mehr werden wie in einem früheren Zustand der deutschen Republik. Aber in die Richtung könnte man durch erstklassige Arbeit doch wieder kommen.

Und die Quote ist bei vielen Kollegen absolut verinnerlicht. Wenn das der einzige Maßstab ist und ältere Kollegen nicht mehr gefragt werden, was man besser oder anders machen kann, finde ich das sehr bedauerlich. Junge Journalisten, die stolz darauf sind, für nichts mehr zu stehen und sich für nichts mehr zu engagieren, können mich nicht überzeugen.