Wenn man gar nicht mehr weiter weiß, kauft man sich ein Buch. Zum Beispiel eines mit dem schönen Titel Wie du glücklich sein kannst wenn du es nicht bist. Oder ein blaues mit dem schlichten Titel Zen . Dann beginnt die Verwandlung: Man isst anders, wirft sich vor dem Schlafengehen 108-mal zu Boden, fährt ins Kloster und hat dann - wenigstens das - allerhand neue Sprüche drauf: "Wenn ich esse, esse ich", oder "Leben ist leiden." Doch wie reagiert der durchschnittliche bundesdeutsche Mann auf einen Fall von Buddhismus in der Familie, vor allem, wenn er selbst grade nicht mehr weiter weiß? Das beschreibt Doris Dörrie auf zwei Arten: in einem Roman, ihrem ersten, Was machen wir jetzt und in einem Film, Erleuchtung garantiert. In beiden Geschichten ist die Hauptperson ein Mann in den besten Jahren, gefangen in einem öden Beruf der nahrungsmittelbezogenen Dienstleistungsbranche - Bagelproduktion im Buch, Küchenplanung im Film -, den ein familiäres Zwischentief in ein buddhistisches Kloster verweht. Während der Roman nach Updikescher Manier allerlei Überlegungen der Hauptperson mit einer ereignisreichen Handlung verknüpft, bleibt der auf Digitalvideo gedrehte Film formal und inhaltlich zurückhaltend und lässt den schauspielenden Kerlen Uwe Ochsenknecht und Gustav Wöhler viel Platz zur Entfaltung.

Über Buddhismus erfährt man in beiden Geschichten nicht viel mehr, als in ein schmales Büchlein passt, dafür einiges über das Innenleben von Männern, wie sie die Autorin mag. Denn es sind ganz bestimmte Typen, für die sie eine besondere Affinität hat, und seit dem Film Männer vor 15 Jahren scheinen sie sich gar nicht verändert zu haben: Sie sind immer noch vom Leben und von der Liebe enttäuscht, lügen und betrügen, denken immer an Sex, an Handys und Autos oder ans Essen und fürchten sich tief drin vor dem Tod. Auf solchen Kerlen ruht Dörries scharfer und unentrinnbarer Blick mit Wohlgefallen.

An einer Autobahnraststätte verlässt ihn seine Frau und nimmt die beiden Kinder und das Geld mit. Seinen 40. Geburtstag verbringt er im Auto von völlig Fremden, unterwegs zu einem buddhistischen Lager in Frankreich. Außerdem leidet er unter Schweißfüßen. Männern wie Norbert wird bei Dörrie halt nix geschenkt. Übrigens kommen die Frauen kaum besser weg. Die nerven schwer: Die Ehefrauen haben Affären oder sind dem häuslichen Putz-, Regel- und Ordnungswahn verfallen, die Geliebten sind unheimlich unberechenbar und die Töchter rätselhaft stumm. Selbst die buddhistischen Gelehrten und Erleuchteten in den Geschichten grüßen in dieser Welt höchstens von Ferne: Sie verblüffen mal mit einem Spruch oder einer kuriosen Handlung, ansonsten bleiben sie entrückt und opak.

Nein, wichtig ist in beiden Geschichten nur eins: was die Kerle so denken, zum Beispiel über die ästhetischen und moralischen Feinheiten des Buddhismus. Für die Protagonisten, sei es Fred Kaufmann im Roman oder Uwe im Film, ist erlebter Buddhismus zunächst mal ein Anlass zum Fluchen: Was das alles solle, keine Zigarette und keinen Kaffee, man kann nirgends telefonieren, die anderen sind total bescheuert, und früh aufstehn muss man auch noch. Das Letzte.

Als Rezipient hört man das ja gern, denn das erleichtert. Nun würde man nach herkömmlichen Erzählmustern erwarten, dass sich die Männer läutern, dass sie erkennen, was falsch lief in ihrem Leben, dass sie im Kloster zu sich selbst finden und irgendwie zu besseren Menschen werden. Aber gute Menschen interessieren die Autorin halt nicht, so bleibt eigentlich auch nach dem asiatisch inspirierten Kurztrip fast alles beim alten: Boys will be Boys. Manchmal kommen sie wie Ochsenknecht daher, polternd und zugleich anhänglich, oder wie der Romanheld, etwas feinsinniger, als wahrer Familienmensch, der am Ende Leben rettet, in einer Talkshow auftreten darf und zu seiner Frau zurückfindet. All die Unterweisungen in buddhistischem Denken, die Leser und Zuschauer leider ebenfalls über sich ergehen lassen müssen, haben eigentlich nur eines gebracht, nämlich neue Sprüche.

Einer geht so: "Wenn ich esse, esse ich, wenn ich schlafe, schlafe ich." Der ist aber gar nicht von Buddha, sondern von einem Kerl ganz nach Dörries Geschmack, von Michel de Montaigne aus dem Jahre 1582, aus einem Buch, das er geschrieben hat, als er mal nicht weiter wusste.

· Doris Dörrie : Was machen wir jetzt? Roman; Diogenes Verlag, Zürich 2000; 304 S., 39,90 DM