Dies ist kein Buch, das man gern liest (um mit unserem Bundeskanzler zu sprechen): aber eines, das man lesen muss. Eines, dem man nicht ausweichen, von dem man sich nicht à la Paulskirche abwenden kann, weil wir es nicht länger ertragen wollen, mit dem Grauen und mit der Scham jener Jahre konfrontiert zu werden. Es ist so: Das Entsetzen verfolgt uns über die Schwelle des Jahrhunderts hinweg. Wir werden ihm ins Auge sehen müssen, solange wir über diese Erde wandern: wir, die späten Zeugen dieser düstersten Epoche in der Geschichte der Menschheit - wir und die Generationen, die nach uns kommen. Auch sie werden nicht abschütteln können, was sich die Menschheit in jenen Jahren durch den rationalisierten Wahnsinn der deutschen "Endlösung" angetan hat.

Nein, der Bericht des Ungarn Béla Zsolt ist keine Lektüre, die sich für die halbe Stunde vor dem Einschlafen eignet, weiß Gott nicht. Sie könnte für böse Träume sorgen. Die Worte und die Bilder legen sich mit würgender Schwere auf die Seele, auch (und gerade dann) wenn sich der Autor mit einem höhnischen Lachen vor der Übermacht der Erinnerung zu retten versucht.

Zsolt galt, wie wir aus dem Nachwort von Ferenc Köszeg erfahren, als einer der bedeutendsten ungarischen Journalisten und Schriftsteller der Jahrzehnte zwischen den beiden Weltkriegen: ein linksliberaler Intellektueller jüdischer Herkunft, dessen Karriere nach dem Frontdienst und dem Zusammenbruch des Habsburgerreiches in Großwardein angefangen hat, dem ungarischen Nagyvárad, das unter rumänischer Herrschaft Oredea genannt wurde: einem Städtchen, in dem sich die Kulturen, die den Balkan prägten, so selbstverständlich und, wie es schien, untrennbar mischten - die ungarische, die rumänische, die jüdische (zu deren Kindern fast ein Viertel der Einwohnerschaft zählte) und wohl auch die deutsche.

Die biografische Skizze weist darauf hin, dass Zsolt vom Jahre 1920 an, nach Budapest übersiedelt, durch seine polemisch-glanzvolle Feder rasch Freunde, Feinde und Ruhm gewann, dass er Romane schrieb und Theaterstücke (mit einem Gedichtband fing er an), dass er im Hotel gelebt, nächtens im Caféhaus gehockt, dass er Tag für Tag an die 80 Zigaretten geraucht und eine kräftige Portion Cognac zu sich genommen hat, vom Mokka nicht zu reden: ein bohemisierender Literat, wie er in den großen Städten der untergegangenen k. u. k. Welt so exemplarisch gedieh, ein beharrlicher Aufklärer, der sich dem aufbrennenden Nationalismus jener Epoche mit gespannter Energie entgegenwarf.

Er wurde bewundert, und er wurde gehasst, nicht immer ohne eigenes Verschulden - so deutet es Köszegs knapper Essay am Ende des Buches an -, da er nicht zu zögern schien, seine Gegner durch harsche und manchmal maßlose Angriffe herauszufordern. Die Widersacher fanden Gelegenheit, sich an ihm zu rächen. Ein Patriot war er dennoch (oder gerade darum), obschon er bekannte, in ihm steckten "nun wirklich keinerlei Illusionen, keinerlei Pathos" mehr. Er sage das wie jemand, "der außer seinem Hab und Gut auch noch etwas sehr Wesentliches, Lebenswichtiges verloren" habe: "das Vaterland". Dieses Vaterland sei ihm immer wichtiger gewesen als den meisten Menschen seiner Umgebung: "fieberhaft befasste ich mich mit ihm in Wort, Schrift und in meinen Träumen ..." Er vermochte sich nicht vorzustellen, dass "diese Heimat eine Heimat war, die man hassen konnte", dass "die Staatsmacht ein räudiger Hund und die Heimat freie Wildbahn der Strauchdiebe" werden würde.

Da seine Frau in ebenjene fragwürdige Heimat zurückdrängte, schlug er sich mit ihr im September 1939 von Paris, wo die beiden der Kriegsausbruch überrascht hatte, auf schwierigen Umwegen nach Ungarn durch: samt den neun Koffern, die mit dem letzten Zug durch Deutschland über die Grenze nach Frankreich gelangt waren (und von denen der romanhafte Bericht seinen Namen bezog). Aber das war schon ferne Erinnerung, als er im Lazarett des Ghettos von Großwardein, das in einer chassidischen Synagoge untergebracht wurde, auf einer schmutzigen Matratze lag und auf den Abtransport ins Gas wartete: im Sommer 1944. Im Frühjahr hatten die deutschen Streitkräfte Ungarn besetzt, um seine Flucht aus dem Bündnis zu verhindern.

Drei Jahre zuvor hatte der Staat des "Reichsverwesers" Admiral Horty im Schatten des mächtigen Alliierten einige Divisionen in die Schlachten gegen die Sowjetunion geschickt, um an der russischen Beute teilzuhaben. Die Juden, die nicht als Soldaten dienen durften, wurden zum Arbeitseinsatz in die Ukraine verschickt: mehr als 40 000 Menschen, die man vor allem aus dem gehobenen Bürgertum rekrutierte, unter ihnen Béla Zsolt, trotz seiner Prominenz, trotz der 47 Jahre, die er damals zählte, trotz des Offiziersranges, der ihm während des Ersten Weltkrieges verliehen worden war.