Die Sache mit den Schulleiterposten zum Beispiel. Die bleiben unbesetzt, oft jaaaah-reelang. Das stelle man sich vor. Und warum? Weil da Dutzende mitreden. Das wäre in der Privatwirtschaft vööööllig unmöglich. Und wenn sich keine Frau für den Posten bewirbt, wird die Stelle erneut ausgeschrieben. Ich habe nichts gegen Frauenförderung. Meinetwegen soll man alle freien Stellen zuerst an einem Frauenbrett aushängen, meinetwegen lila. Doch sollen die sich, bitte schön, rechtzeitig bewerben! Da habe ich meinen Leuten in der Behörde gesagt: Das geht so nicht weiter, das will ich schneller haben ...

Willi Lemke, seit Juni vergangenen Jahres Senator für Bildung und Wissenschaft in Bremen, kann sich noch wundern. Über die Zustände an den Schulen in der Stadt. Über die Gepflogenheiten in einer Behörde. Und über die ganze Welt der Beamten, die nicht alle so arbeiten, wie er es gerne hätte: nämlich "effektiv", "unkonventionell", "schnell" - kurz, die nicht alle so arbeiten wie er selbst: wie Willi Lemke.

Die Schüler begrüßen ihn mit "Willi, Willi"-Rufen

Lernen könne man zudem fast alles, sagt Lemke. Wie titelten die Bremer Zeitungen 1982, als der damalige Landesgeschäftsführer der SPD zum Fußball wechselte: Kein Witz: SPD-Funktionär wird neuer Werder-Manager. Das Lachen verging allen schnell. Die Jahre unter Lemke gelten als die besten der Klubgeschichte. DFB-Pokal, Europapokal, deutscher Meister - Werder mischte ganz vorn mit. An die Spitze sollen auch die Bremer Schulen. Und darum kümmert sich der Willi jetzt persönlich.

Die Tür springt auf, Lehrer und Schüler schrecken hoch, im Eilschritt stürmt der Senator in die Klasse. Im Windschatten versuchen Schulleitung und Beamte Schritt zu halten. "Was macht ihr denn hier?" Acht Schüler, ein Chemiegrundkurs, setzen Molekülmodelle zusammen. "Toll, so ein kleiner Kurs", sagt Lemke. Der Lehrer nickt, die Schüler grinsen. Hier gibt es keine Probleme, registriert Lemke. Also - "Ciao" - weiter. Aber halt, sagt der Lehrer. Im Nebenraum, wo die Geräte für die Versuche stehen, da mangelt es an Personal. Der Senator tippt sich an die hohe Stirn: "Habe ich im Kopf. Ich schaue, was sich machen lässt."

Bis zum Ende des Jahres will Lemke in allen Schulen Bremens nach dem Rechten sehen. Das Schulzentrum Rübekamp ist die 54. Station, die er durcheilt. Nicht dass er sich keine Zeit nimmt. Fast vier Stunden dauert der Besuch. Lemke will alles sehen und wissen, mit allen sprechen. Am liebsten würde er jeden Lehrer und Schüler an den Schultern fassen, um sie den Bildungsruck persönlich spüren zu lassen. Weil das aber doch zu lange dauert, ruft Lemke Schüler und Lehrer zur Diskussion zusammen.

Im Schulzentrum Rübekamp hat er ein Heimspiel. Ein umtriebiger Direktor, ein engagiertes Kollegium, keine Graffiti an den Wänden. Als die Schüler ihn dann noch mit "Willi, Willi"-Rufen begrüßen, ist Lemke im Glück. Daran können auch die Klagen der Schüler über zu volle Kurse nichts ändern. Der Senator ist Schlimmeres gewöhnt. In keinem Bundesland leiden die Schulen so unter Auszehrung wie in Bremen. Es gibt Klassenräume, die seit 40 Jahren nicht gestrichen wurden. In einigen Lehrbüchern existiert noch die DDR. Das Durchschnittsalter der Lehrer beträgt 51 Jahre.