Vergangenen Mittwoch hatte die Bremer CDU zur öffentlichen Anhörung in die Bürgerschaft geladen. Thema: ein geplantes Modellprojekt für die Brustkrebsfrüherkennung. Artig stritt man über Kleinigkeiten, im Prinzip aber waren sich die Redner einig: die Mammografie senkt die Sterberate bei Brustkrebs erheblich. Doch die letzte Rednerin störte den Frieden. Die Landesfrauenbeauftragte Ulrike Hauffe stellte mit einer brandneuen Studie aus dem britischen Fachblatt The Lancet den Nutzen der Brustdurchleuchtungen infrage - Raunen im Publikum.

In dem Lancet- Beitrag hatten Peter Gøtzsche, Direktor des Nordic Cochrane Centre in Kopenhagen, und der Statistiker Ole Olsen alle großen internationalen Mammografiestudien noch einmal akribisch auf ihre Stichhaltigkeit geprüft. Ihr vernichtendes Urteil: die reihenweise Röntgendurchleuchtung der Brust (Mammografie-Screening) zur Früherkennung des Mammakarzinoms sei ungerechtfertigt. Sechs von acht Studien seien methodisch falsch, ihre Aussagekraft zweifelhaft. Die verbleibenden zwei bewiesen keinesfalls, dass durch das Screening die Sterberate gesenkt werden könne.

"Ich würde so ein Projekt zurzeit nicht durchführen", kommentiert Kritiker Ole Olsen den Bremer Vorstoß, "wenigstens nicht so, wie geplant." Selbst wenn die Strahlenbelastung unschädlich sei, drohten andere, unangenehme Folgen. Wer untersucht, findet häufig auch verdächtige oder falsch positive Befunde. Bis alle Zweifel ausgeräumt sind, werden Frauen verunsichert, Proben entnommen und in einigen Fällen wird vielleicht sogar unnötigerweise operiert. Ein Risiko, das gegen den potenziellen Nutzen sorgfältig abgewogen werden muss.

Können so viele internationale Forscher derart irren?

Doch wie glaubwürdig ist der Einwurf der dänischen Forscher? Können sich renommierte Wissenschaftler aus Schottland, Schweden, Holland oder Kanada derart gründlich geirrt haben?

Erste Zweifel an der dänischen Studie säten die Herausgeber des Fachorgans The Lancet selbst. Während die Autoren in der Zusammenfassung ihrer Arbeit knapp und klar den Nutzen der Mammografie verneinen, steht über dem Artikel vorsichtig fragend: "Ist ein Screening für Brustkrebs mit Mammografie gerechtfertigt?" Der zurückhaltende Titel war eine Idee der Lancet- Herausgeber, die Autoren selbst hatten ihre Arbeit selbstbewusst ohne Fragezeichen eingereicht.

Statistiker Ole Olsen behauptet, in den von ihm verworfenen sechs Studien seien die Frauen falsch in Altersgruppen eingeteilt worden, mithin die Sterberaten untersuchter und nicht untersuchter Frauen nicht miteinander vergleichbar. Harry de Koning, Mitglied des niederländischen Bewertungsteams zur Brustkrebsfrüherkennung, entgegnet im Editorial derselben Lancet- Ausgabe, dass sich kleine Altersdifferenzen der verglichenen Gruppen nicht auf die Aussagekraft des Studienergebnisses auswirken müssen. Diese Meinung teilt auch Eberhard Greiser, Epidemiologe und Leiter des Bremer Instituts für Präventionsforschung und Sozialmedizin, zuständig für die wissenschaftliche Bewertung des Bremer Projektes. Er hält die dänische Analyse schlicht für "nicht fundiert".