Berlin

Wahrhaftig, das Unfassbare geschieht. Am 29. Januar ist es so weit. Im Morgengrauen öffnet sich die Tür. Heraus, wenngleich nicht ins Freie, tritt jener Mann, der so lange Inbegriff der Macht gewesen, dass er am Ende zwischen sich und seinem Staat nicht mehr zu unterscheiden wusste. Dann der jähe Sturz. Heute stützt den Altgewaltigen nur noch seine Frau, und auch sie hat nun den Arm des Gatten loszulassen, weil die Polizisten ihres Amtes walten. Der Wagen, den der Mann besteigen muss, fährt ihn ins Zuchthaus Berlin-Rummelsburg.

Wer hat 1990 die zerfallende DDR zur Bundesrepublik adoptiert? Helmut Kohls CDU, via "Allianz für Deutschland". Drei Punkte gab es, über die Kohl den Osten mit sich handelseinig machte: Er pflog einer antikommunistischen Nationalrhetorik - wie sollte die nicht verfangen nach Jahrzehnten kommunistischer Verhunzung jedweden Nationalgefühls? Er präsentierte sich als Staatsmacht - das musste greifen, da das allzeit untertane Ostvolk zwar nicht seine gestrigen Bedrücker vermisste, jedoch die regelstiftende Obrigkeit. Aber mehr noch als für Thron und Vaterland stand Helmut Kohl für Geld. Den bedauernswerten Bürgerrechtlern wurde Mitleid zuteil, der SPD Sympathie, aber, sprach die Wählermehrheit, wir können uns euch derzeit nicht leisten, wir brauchen den Kohl, die CDU, wejem dem Gelde.

Das Bündnis zwischen Kohl und Kapital schien der Segen für den Aufbau Ost. Leider entfiel den Ossis in ihrer begreiflichen Freude über Helmut Kohl Lenins oktoberrevolutionäre Frage "Wer - wen?". Sie hielten es für selbstverständlich, dass in einem ordentlichen Staat die Politik bestimmt, was die Wirtschaft auszuführen hat. Rätselhafterweise ging es, Günter Mittag sei's geklagt, im Westen eher andersrum.

1994 haben die Ostdeutschen ihr Abkommen mit Helmut Kohl unter vielem Murren noch einmal verlängert. Inzwischen darbte die Ostindustrie in ihren kümmerlichen Resten, die Arbeitslosigkeit stieg und stieg, die Missachtung der Ostgeschichte inmitten der einheitsdeutschen wurde schmerzlich empfunden. Aber viele Lebenswünsche hatte Kohls Geschenk, die Einheit, erfüllt, marode Städte blühten auf, die PDS desgleichen, und Kohls Adlatus, Pfarrer Hintze, warnte bitterlich, es sei die Rote Socke fruchtbar noch, aus der einst die SED gekrochen. Endlich, 1998, kündigten die Ostler ihren Kohl-Vertrag. Dies bedeutete keinerlei Bekenntnis zur SPD oder den hierzulande unbekannten Grünen. Das Ja zu Gerhard Schröder war bloß ein Nein zu Helmut Kohl. Es beendete eine ostdeutsche Unterwerfungsstrategie, die dem Beitrittsvolk nicht länger profitabel schien.

War die Abwahl Helmut Kohls ein Akt der Ostemanzipation? Zumindest eröffnete sie Zukunft - auch der CDU, die sich von der autoritären Kanzlerfirma zur polyzentralen Kraft regenerieren wollte. Was sie dann 1999 in die Scheuer fuhr, verdankte sie allerdings weniger der eigenen Saat als dem desaströsen Ackern der rot-grünen Koalition. Und ach, schon im frühen Herbst überschimmerte das Ostland eine zarte Kohl-Nostalgie. Als dann zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls nicht Bärbel Bohley oder Jens Reich oder Wolfgang Ullmann oder Heino Falcke aus der Kanzel des Vaterlandes sprach, sondern der Unentthronbare, da wurde endlich aller Welt bewusst, dass Helmut Kohl nicht nur immerdar Kanzler der Einheit ist, sondern auch der einzig legitime Eigentümer der ostdeutschen Revolution.

CDU und SED - beider Moral wurde gezeugt im Kalten Krieg