Im Restaurant des Bonner Bundestags, entsinnt sich Heym, sah er, damals Alterspräsident, einst den Kanzler samt Entourage den Raum durchschreiten. "Nein, er schritt nicht, er schwebte eher: ein Ballon, gefüllt mit dem Gas des Glaubens an die eigene Größe und Macht. Aus dem Winkel seines Auges erblickte er mich, und sein Kopf wandte sich sofort zur Seite, ganz leicht nur, mehr war die Begegnung nicht wert; dann enteilte er, den Lorbeer der deutschen Einheit über der Stirn."

Kohl hat uns die Einheit nicht geschenkt. Gorbatschow wagte Perestrojka, die Ungarn zerschnitten ihren Grenzzaun, das DDR-Volk entlief und stand auf und so weiter. Dass die Russen ihr deutsches Land in Frieden entließen, war nicht Helmut Kohls Verdienst. Aber, das bleibt ihm, als der Weltgeist vorüberwehte, griff er ihn am Mantelsaum. Leider ist auch die Demokratie keine Kohlsche Gabe an den Osten, dafür das, was er unter Demokratie verstand: sein Partei-Patriarchat, seine landesväterliche Moral, die zu unterscheiden wusste zwischen deutscher Sitte und den Bräuchen seiner auswärtigen Diktatoren-Freunde.

Dies ist kein linkes Volk, aber ein tugendsames. Es braucht ein integeres Medium seines Konservatismus, eine leidlich saubere CDU. Darum muss die ganze Wahrheit auf den Tisch. Je mehr von dieser Wahrheit Helmut Kohl offenbaren kann, desto größer ist die Chance, dass er etwas für sich behält von der wendezeitgenössischen Heldengröße, nach der er sich mehr sehnt, als das einem Demokraten zukommt. "Unglücklich das Land, das Helden nötig hat", sagt Brechts Galilei. Wir sind nicht unglücklich in diesen Tagen.