Im Sony Center auf dem Potsdamer Platz ist kürzlich die "Music box" eingeweiht worden, eine Art Flugsimulator für Hobbydirigenten: Gegen eine geringe Gebühr darf man den mächtigsten Klangkörper der Stadt leiten. Die Berliner Philharmoniker gehorchen auf einem Videoschirm tatsächlich unseren fuchtelnden Herrschaftssignalen. Wenn man allerdings gar nichts tut, spielen sie auch alleine weiter.

Ein wenig erscheint auch die Berliner Theaterwelt derzeit wie eine gigantische Machtsimulationsmaschine. Es wird von neuen Leuten viel gefuchtelt - ob allerdings die Stadt das merkt, weiß man noch nicht.

Ausgeschabt und ausgebeint - ein Gedankenbunker

Das neue Berlin hat, wenn es vom Theater spricht, ein furchtloses Löwenmaul, aus dem die Stimmen Ostermeiers, Peymanns und Castorfs durcheinander tönen. So inszenieren sie, was sie brandmarken: die Hölle der Konkurrenz- und Marktgesellschaft. Sie benehmen sich ein bisschen wie publicitybewusste Wölfe, sie ziehen Zuschauerschichten unter ihre Krallen. Abseits der Bühnen findet da ein fesselnder Workshop unter Theaterchefs statt. Thema: Theatrale Umgangsformen im Neoliberalismus.

Thomas Ostermeier, 31, der von der Baracke des Deutschen Theaters an die Schaubühne kam, hat unlängst verraten, wie er sich von seinen Vorgängern Peter Stein und Andrea Breth absetzen will. Er will kein "bürgerliches Verwandlungstheater", in welchem der Spieler dem Zuschauer die Arbeit der Empfindsamkeit abnimmt, er mag ihm nicht den "Emotionalclown" spielen (ein Begriff von Peter Stein), er will ihm vielmehr "mit der Chuzpe von Jahrmarktsdarstellern" begegnen und "mit dem nackten Arsch ins Gesicht springen". Damit der Springer Anlauf nehmen kann, wurde die Schaubühne ausgebeint und ausgeschabt bis auf den nackten Beton - eine Kathedrale, die nun keine Seitenschiffe, keine bunten Fenster, keine Orgel mehr hat. Wer sich an die Wunderlandschaften, die archenhafte Vielfalt, den Licht- und Formenzauber, die empfindsamen Expeditionen der Welttheaterreisegesellschaft Stein & Breth erinnert, dem erscheint der neue Raum grau, ein abgelassenes Schwimmbad, in dem man das helle Plätschern früherer Tage vermisst - ein Gedankenbunker. Hier will Ostermeier "mit neuen Autoren in große Räume vorstoßen", und vorab füllt er den Riesenraum schon mal mit großen Begriffen: Aus der unaufhörlichen Annäherung von Tanz- und Sprechtheater soll ein eigenes "theatrales Zeichensystem" entwickelt werden. Denn ein Repertoire genügt in der Hauptstadt nicht: Ein Kerl muss ein System haben.

Aus der Schaubühne, die unter Stein gern als Schaumbühne tituliert wurde, macht Ostermeier zum Auftakt - eine Abschaumbühne. Lars Noréns Stück Personenkreis 3.1, das er in deutschsprachiger Erstaufführung inszeniert, zeigt die "Unsichtbaren ganz unten", den Bodensatz der schwedischen Gesellschaft, Fixer, Alkoholiker, Huren, Kranke, Verwirrte. Norén hat den Kreis seiner privaten Ehe- und Familienhöllen verlassen und sich aufgemacht in den öffentlichen Hades der Zweidrittelgesellschaft. Er schrieb ein Stückmonstrum von vielen hundert Seiten, ein ausuferndes Labyrinth der Beichten und Höllenklagen, Die letzten Tage der Menschheit nicht für ein Marstheater, sondern für ein Toilettentheater. Noréns Figuren leben in einer Tiefe, in die Botho Strauß' Figuren mit Schaudern hinabgeblickt hätten aus ihren von Karl-Ernst Herrmann eingerichteten Altbauwohnungen.

Die Menschen vom Personenkreis 3.1 sind jene, die wir nicht sehen, weil wir durch sie hindurchblicken. Ostermeier, Rache nehmend an Blindheit und Dummheit der Welt, macht sie sichtbar, viereinhalb Stunden lang. Wir kannten diese Leute vom Wegsehen, jetzt müssen wir sie studieren.