Die Vorbereitungen zum Weltwirtschaftsforum (WEF) begannen vorletztes Wochenende lautstark: Unbekannte Saboteure schossen Feuerwerkskörper auf das Tagungsgebäude in Davos, und dabei gingen zwei Panzerglasfenster zu Bruch. Dem Bekennerschreiben ("für eine revolutionäre Perspektive") sind die Urheber zwar nicht klar zu entnehmen, doch die Polizei vermutet sie im Umfeld radikaler Welthandelsgegner. Das ist keine beruhigende Vorstellung für die Bündner Ordnungshüter. Ihnen sind die Bilder von der Tagung der Welthandelsorganisation im amerikanischen Seattle in Erinnerung: Ein harter Kern gewaltsamer Demonstranten hatte sich dort tagelange Schlachten mit der Polizei geliefert.

So schlimm wird es in Davos wohl nicht werden. Die schweizerische Anti-WTO-Koordination, die die Protestkundgebungen vor Ort konzertiert, erwartet gerade mal 600 Demonstranten im Bergort und nur eine "recht begrenzte" Zahl internationaler Demo-Touristen. Doch ganz genau weiß es keiner. Davos steht heute fast genauso im Schussfeld internationaler Proteste wie die Freihandelsorganisation WTO. Die Kritiker beklagen, dass in Davos die Mächtigen der Welt sich ihre Meinungen bilden über Fragen des Freihandels, der Umwelt und der Entwicklungspolitik - und zwar fernab von demokratischer Kontrolle und ohne Anhörung privater Aktivistengruppen. In einigen radikalen Protestaufrufen ist auch von einem "Mördertreff" zu lesen, von "Ausbeutungsprojekten" der "selbstherrlichen Global Leaders".

Dann könnte untergehen, dass die Mehrheit der Davos-Gegner keine Krawallmacher sind. Eine Allianz unterschiedlicher Vereinigungen hat zu Begleitveranstaltungen in Davos aufgerufen: Bürgerrechtsgrupppen und Kirchenvertreter, Dritte-Welt-Aktivisten und Umweltschützer, die Mumia-Abu-Jamal-Soligruppe und die Genossenschaft Alpenrösli. Die Abgrenzung von unfriedlichen Protesten in Davos ist für die Organisatoren eine Gratwanderung: "Wir stehen natürlich für das Recht auf freie Meinungsäußerung während der Konferenz", sagt Jolanda Piniel von der Dritte-Welt-Gruppe Erklärung von Bern. Doch Otto Sieber, Zentralsekretär der Umweltschutzgruppe Pro Natura, hat von seinen Mitgliedern "Vorwürfe zu hören bekommen, dass man sich da mit radikalen Randalierern zusammentut".

Die Nichtregierungsorganisationen wollen parallel zum WEF eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel Public Eye on Davos ausrichten. Sie haben auch den WEF-Präsidenten Klaus Schwab als Gastredner für eine Konferenz gewonnen und dürfen selber eine Hand voll Delegierte ins offizielle Tagungszentrum schicken. Ohnehin haben die Veranstalter des offiziellen Programmteils darauf geachtet, dass ein gutes Dutzend internationaler Nichtregierungsorganisationen Vertreter nach Davos schickt: von Greenpeace bis zu Friends of the Earth, von Gewerkschaftsbünden und amnesty international bis zur Bill and Melinda Gates Foundation. Von den geplanten Demonstrationen am Rand der Konferenz wollen die Organisatoren freilich nichts wissen: "Wenden Sie sich in diesen Fragen gleich an die Polizei."

So fühlen sich die Vertreter der internationalen Bürgergesellschaft in Davos nach wie vor weitgehend ausgesperrt und fordern "die Öffnung der gesamten Veranstaltung für die Menschen". Mit Hilfe ihrer Hand voll Delegierter wollen sie jedenfalls so viele Informationen wie möglich nach draußen tragen. Vielleicht wird das Internet wieder eine so wichtige Rolle spielen wie bei den WTO-Protesten in Seattle. Die Davos-Gegner planen diesmal ein technisches Novum: Über die Website des alternativen Züricher Senders Radio LoRa werden am Wochenende Davos-Informationen in alle Welt verbreitet.