Moskau

Mit jedem Tag der zähen Straßenkämpfe in Grosnyj dämmert den Russen mehr, dass dieser "kleine" Krieg nicht schnell zu gewinnen ist. Und mit jedem Tag sinkt die allrussische Begeisterung für den Feldzug, mit dem Ministerpräsident Putin seine Macht ausbaute. Die Moskauer Regierung kämpft mittlerweile an zwei Fronten: gegen die tschetschenischen Krieger in Grosnyj und gegen die Partisanen der freien Meinung im Hinterland. Letztere - die Journalisten - hatten im ersten Tschetschenienkrieg mit ihren engagierten Berichten für eine kritische Öffentlichkeit gesorgt. Diesmal sollen sie die Eintracht von Regierung und Volk nicht sprengen.

Auf dem Kriegsschauplatz achten Militärsprecher darauf, dass nur botmäßige russische Journalisten Frontstellungen besuchen dürfen. NTW war am vergangenen Wochenende nicht mehr dabei. Und von der Organisation der Soldatenmütter, die über 3000 Gefallene gezählt hat, lassen sich die Streitkräfte schon gar nicht in die Stellungen gucken. Tschetschenien bleibt abgeriegelt gegen den unabhängigen Blick. Ein Rosinformzentr organisiert Journalistenreisen an unbedenkliche Standorte in Tschetschenien. Wer allein fährt, den nimmt der Geheimdienst fest; so widerfuhr es sechs ausländischen Reportern im Dezember. Das Grundrecht auf Freizügigkeit (Art. 27,1 der russischen Verfassung) setzen Regierung, Generalstab und Geheimdienst umstandslos außer Kraft. Ein Mitarbeiter des russischen Außenministeriums fordert unter der Überschrift "Hetzer-Journalisten" in der Nesawissimaja Gaseta "eine Informationsblockade gegen westliche Korrespondenten, die Wühlarbeit in Tschetschenien" betrieben.

In Brüssel fanden derweil die europäischen Außenminister besonnene Worte zum Tschetschenienkrieg, und der Europarat taktiert und laviert wie immer, wenn eines seiner Mitglieder gegen das Statut verstößt. Das mag realpolitisch begründbar sein. Unklar ist allerdings, warum sich westliche Politiker einreden, Russland beginne bald mit den viel beschworenen "liberalen Reformen". Einstweilen dauert der Krieg an - und Russlands Liberale sind seine Verlierer.