Stockholm

Vermutlich hätte die Stockholmer Holocaust-Konferenz von dieser Woche nie stattgefunden, wären in Schweden nicht ein paar Entwicklungen zusammengekommen: der Generationswechsel an der Spitze der Regierung, kritische Fragen aus dem Ausland, schockierende Erkenntnisse aus dem Inland und die Konfrontation mit einem neuen Gemisch aus Rechtsextremismus und Gewaltkriminalität. Am Ende rief Ministerpräsident Göran Persson Staats- und Regierungschefs aus aller Welt in seine Stadt, um gemeinsam mit Historikern und Pädagogen der eigentlich schon öfter gestellten Frage nachzugehen: Wie macht man die Erinnerung an das monströseste Verbrechen des 20. Jahrhunderts nutzbar für unsere demokratischen Gesellschaften, in denen Intoleranz, Alltagsrassismus und fremdenfeindliche Gewalt inzwischen an der Tagesordnung sind?

Wie aber kam es zur Konferenzidee, wieso Schweden? Am Anfang stand eine Umfrage. Wissenschaftler der Stockholmer Universität hatten vor drei Jahren den Kenntnisstand schwedischer Oberschüler zum Thema Judenvernichtung feststellen wollen. Sie stießen dabei auf krasse Lücken: Gut ein Drittel der Befragten war sich auf entsprechende Fragen keineswegs sicher, dass der Holocaust tatsächlich stattgefunden hatte. Inzwischen sagen andere Wissenschaftler zwar, die Umfrage sei überinterpretiert worden, gleichwohl: Der Schrecken war groß.

Besonders entsetzt war ein Mann, von dem man das nicht unbedingt erwartet hätte, Göran Persson, Chef der Minderheitsregierung und der Sozialdemokratischen Partei. Sein Spezialgebiet waren bisher das Ausbalancieren des Haushalts und die Reform des schwedischen Wohlfahrtssystems. Kennzeichnend für ihn ist aber auch, dass er aus einer anderen Generation und einem anderen Milieu kommt als seine sozialdemokratischen Vorgänger, der anständige Karlsson, der charismatische Palme und zumal der legendäre Erlander. Im Gegensatz zu ihnen ist Persson, der gelernte Kommunalpolitiker, provinziell im eigentlichen Sinn des Wortes. Er kommt aus der schlichten Mitte der Partei, von dort, wo beispielsweise die Sympathien für Israel schon zu einer Zeit groß waren, als die Führung massiv aufseiten der Palästinenser stand. Persson fehlt auch die Loyalität gegenüber einigen Tabus der Vergangenheit, wozu das Schweigen über den Holocaust gehört und die historische Lebenslüge einer sauberen Neutralitätspolitik des sozialdemokratisch regierten Schweden während des Zweiten Weltkriegs. Der Mann sah Handlungsbedarf. Im Einverständnis mit den meisten anderen Parteiführern rief er das Projekt "Lebendige Geschichte" ins Leben. Die plötzlich entdeckte Wissenslücke sollte geschlossen werden, ehe die in Schweden seit längerem besonders aktiven rechtsextremistischen Holocaust-Leugner und Herrenmenschen-Ideologen sie mit ihren Lügen füllen konnten. Als erstes Ergebnis lag kurz darauf die Informationsbroschüre Das müsst ihr euren Kindern berichten ... vor: eine reich illustrierte, schonungslose Dokumentation über den Holocaust.

"Wir wurden von der Reaktion überwältigt", sagen Perssons Mitarbeiter heute, zwei Jahre später. Verteilt wurde die Broschüre zunächst an Schulen und an die Medien. Außerdem bot der Staat sie per Postkarte allen Haushalten des 8,8-Millionen-Volks an. Man hoffte auf 200 000 bis 300 000 Anforderungen. Doch in wenigen Wochen bestellten die Schweden über 600 000 Exemplare. Inzwischen sind über eine Million verteilt. Soeben ist auch eine deutsche Ausgabe erschienen (Erzählt es euren Kindern, C. Bertelsmann); eine Taschenbuchversion wird in Schleswig-Holstein an den Schulen verteilt.

Auch Kritiker des etwas farblosen Persson loben ihn für seine Initiative. "Wir sind keine Freunde seiner Politik", sagt Hans Bergström, Chefredakteur der wichtigen liberalen Zeitung Dagens Nyheter, "aber das hat er sehr gut gemacht." Und Sozialwissenschaftler, Politologen und Historiker haben eine Beobachtung gemeinsam: "Das Ergebnis ist keine Debatte über die Verbrechen der Deutschen." Entstanden sei vielmehr ein "Gespräch zwischen den Generationen über die Ursachen und die Folgen von Rassismus und Intoleranz". Die Jugendlichen diskutierten nicht zuletzt die Frage: "Wie verhielte ich mich in einer solchen Situation?"

Angesichts der jüngsten Terrorakte schwedischer Neonazis, darunter zwei Polizistenmorde, die femeartige Hinrichtung eines Gewerkschafters und ein Autobombenattentat auf einen Journalisten, sowie einer Vielzahl von Morddrohungen gegenüber Staatsanwälten, Polizisten, Prozesszeugen und Strafvollzugsbeamten werden diese Fragen umso drängender: Wie verhält man sich bei konkret drohender Gefahr? Was tun gegen derart brutale Einschüchterung? Vor diesem Hintergrund gewinnt Lernen aus der Geschichte hochbrisante Aktualität.