"Wir sind nicht am Ende, sondern erst am Anfang vom Ende." Wolfgang Schäuble

Helmut Kohl redet nicht. Wer ihn kennt, weiß: Er wird auch weiter schweigen. Seit Wochen dreht sich in der Finanzaffäre der Christdemokraten alles um die vermeintlich zentrale Frage, wer die Leute waren, die dem ehemaligen Parteivorsitzenden jene Millionen überließen, über deren Herkunft er partout nichts sagen mag. Von "respektablen Bürgern unseres Landes", die für ihr Schweigen Gründe hätten, raunt Kohl geheimnisvoll. So könnte es gewesen sein. Aber vielleicht war es auch ganz anders. Die Republik spekuliert, und die "Aufklärer" an der Parteispitze der CDU ringen hilflos die Hände: Nur wenn Kohl Namen nenne, könne die Partei wieder auf die Beine kommen. Was sie denn, bitte schön, noch tun sollten, fragen Wolfgang Schäuble und Angela Merkel und blicken arglos in die Kameras.

Als ob es darauf wirklich ankäme. Was wäre gewonnen für die CDU, wenn Kohl sich die Sache doch noch anders überlegte? Ist es überhaupt plausibel, dass die Partei durch "rückhaltlose Aufklärung", wie ihr Mantra in diesen Tagen lautet, die alte Rolle der "großen Volkspartei der Mitte" zurückerobern könnte?

Offensichtlich werden hier Sachverhalte vermengt, die allenfalls entfernt miteinander zu tun haben. Denn so erforderlich die öffentliche Bloßlegung aller Details christdemokratischer Finanzierungspraxis sein mag, so wenig wird dieser schmerzhafte Prozess dazu beitragen, die CDU wieder zu dem zu machen, was sie im deutschen Parteiensystem einmal war. Ob Helmut Kohl sein Wissen preisgibt oder nicht, ist für die Zukunft der CDU ziemlich unerheblich. Wolfgang Schäuble und Angela Merkel haben das Publikum auf die falsche Fährte gelockt. Die Zukunft der Partei entscheidet sich an ihren Wurzeln.

Tatsächlich ist der Skandal, der die CDU erschüttert, nur der Anlass, der den langfristigen Verfall ihrer gesellschaftlichen Voraussetzungen mit einem Schlag zutage treten lässt. Man muss die historische Bedeutung der Christdemokratie im abgelaufenen Jahrhundert erfassen, um zu verstehen, warum sich die Partei davon nicht mehr wird erholen können.

Wie die beiden anderen alten Parteifamilien in Deutschland, die sozialdemokratische und die liberale, kann die CDU ihre Geschichte bis tief ins 19. Jahrhundert hinein zurückverfolgen. "Kraftvolle Parteien sind das Ergebnis kraftvoller Anstöße, die sich aus historischen Lagen ergeben", hat der Politologe Wilhelm Hennis geschrieben. Im Fall der christlichen Demokratie war die konfessionelle Spaltung Deutschlands so eine Lage, Bismarcks antikatholischer "Kulturkampf" der Anstoß. Die Deutsche Zentrumspartei, Vorläuferin der CDU, überstand die Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besser als alle anderen Parteien. Ihrem geschlossenen, fest im katholischen Volk verwurzelten Milieu entstammten die beiden christdemokratischen Kanzler Adenauer und Kohl, die den Regierungen der Bundesrepublik während drei der fünf Jahrzehnte ihres Bestehens vorstanden.

Konrad Adenauer war es nach 1945, der in der CDU die Parteitraditionen des politischen Katholizismus und des protestantischen Konservatismus zusammenführte und mit dem Kitt des Antisozialismus zur interkonfessionell-bürgerlichen Sammlungspartei verband. Für das Bürger- und Kleinbürgertum der christdemokratischen Republik von Bonn führten fortan alle Wege des Sozialismus nach Moskau.