Natürlich träume ich. Jeder träumt. Ob wir uns an unsere Träume erinnern oder nicht, sie sind in uns. Die Medizin bestätigt das: Selbst unser Körper kann sich ihnen nicht entziehen. Doch genau wie die Hoffnung und das Schweigen sind Träume manchmal so persönlich, dass sie uns von unseren Mitmenschen trennen und isolieren.

Als Kind träumte ich viel. In meiner kleinen Stadt jenseits der Flüsse und hinter den Bergen retteten uns die Träume vor den Alltagsängsten. Im Traum, so singt ein jiddischer Dichter, ist der Himmel blauer als blau. Aber ja, im Traum erschienen die Reinheit möglich und die Wahrheit erreichbar.

Und dann, irgendwann, begann ich, auch andere Träume zu haben. Wenn ich sie heute beschreibe, muss ich lächeln. Eingetaucht im chassidischen Milieu mit all seiner Frömmigkeit und Warmherzigkeit, unter dem Einfluss meiner Gebete und meiner Studien, in denen es häufig um das messianische Zeitalter ging, sah ich mich in der Ferne, zeitlich wie räumlich, in einer sonnigen und gastfreundlichen Welt, in der Welt der Erlösung: Ich spazierte durch die wohlklingenden Gässchen des himmlischen Jerusalem, der Stadt der mystischen Träumer von Safad, wo der berühmte Rabbi Itzak Lurie lehrte; ich erforschte die Höhlen des Berges Karmel auf der Suche nach dem Propheten Elias und seinem Schüler ... Jäh erwachte ich, enttäuscht und erschöpft.

Seltsam, im Reich der Nacht waren meine Träume nicht mehr die gleichen. Zuerst wurden sie häufiger und realistischer. Sie führten mich eher in die Vergangenheit als in die Zukunft. Ich sah mich zu Hause, im Kreis meiner Lieben, und erlebte ein Glück und eine Heiterkeit, die nichts zu bedrohen schien. Kein Unglück lauerte auf uns. Es war, als ob der Messias bereits angekommen wäre, nicht im Heiligen Land, sondern in unserer kleinen Stadt, wo wir auf einmal keine Feinde mehr hatten: Meine kleine Schwester spielte friedlich im Hof, mein Vater musste nicht mehr bei den ungarischen Behörden um die Freilassung von Gefangenen kämpfen, meine Mutter rief uns alle zu Tisch, und mein Großvater brachte uns eine neue Melodie vom Hof unseres geliebten Rabbi von Wischnitz bei. Und dann aßen wir! Ach, was konnten wir essen in diesen Träumen: die erlesensten Gerichte, die reifsten Früchte, die süßesten Kuchen. Ich habe noch nie so viel gegessen und auch noch nie mit so viel Vergnügen. An diesem verfluchten Ort spielte sich mein wirkliches Leben im Traum ab.

Unlängst haben sich meine Träume wieder gewandelt. Sie werfen mich häufig zurück auf meine nächtlichen Kriegserinnerungen. Als wollten sie mich hindern, ihnen mit den Jahren den Rücken zu kehren. Ich sehe mich wieder "dort". Mit den Verschwundenen. Ich spreche mit ihnen; sie antworten. Ich gehe mit ihnen; ich zittere für sie. Ich flehe sie an, mich nicht im Stich zu lassen.

Zurzeit träume ich nicht mehr vom Messias. Er besucht meine Träume nicht mehr. Er kam nicht, als er erwartet wurde. Also hat er Verspätung. Macht nichts, der Jude in mir wartet weiter auf ihn.

Und dennoch. "Um Gottes willen, verzweifelt nicht", sagte der berühmte Rabbi Nachman von Bratzlaw. Seine Schüler klammerten sich an diese Worte, bis ins Warschauer Ghetto hinein. Was mich angeht, so erscheinen mir meine Hoffnungen schlichter; sie gehören zu meinen Tagträumen.