Der Mythos vom richtigen Augenblick, der eben nicht nur ein Mythos ist, sondern erfahrbare Realität, wird treffend veranschaulicht durch das Märchen von Dornröschen. Viele tapfre Ritter scheitern an der Dornenwand, bis nach hundert Jahren die Hecke sich von selber öffnet und der Prinz, der das Glück hatte, im richtigen Augenblick zur Stelle zu sein, Dornröschen wecken kann. Nach diesem Muster funktioniert auch die Erinnerung, allemal die kollektive. Da rufen und mahnen die Leidtragenden und die Überlebenden der KZs: Es nützt nichts. Die Menschen hören die Worte, aber sie empfinden nichts dabei. Erst wenn der rechte Augenblick gekommen ist, halten sie plötzlich ein und greifen sich ans Herz. Jetzt können sie der Schrecken inne werden, die sie verursacht oder hingenommen haben. Gestern konnten sie es noch nicht.

Wie diese eigenwillige Uhr der Erinnerung tickt, weiß letztlich niemand. Dass sie ihr eigenes Zeitmaß hat, zeigt die Erfahrung. In der unmittelbaren Nachkriegsära gab es genug Zeugen und reichlich Material - aber die besiegten Täter wollten nicht hochschrecken. Jahre und Jahrzehnte mussten vergehen, bis endlich Mehrheiten bereit waren, der Erinnerung Anschluss an ihr Gefühl zu gestatten. Im Grunde dauerte der Dornröschenschlaf des deutschen Gewissens bis 1979. Erst die US-Serie Holocaust zerriss die Dornenhecke ganz und weckte und erregte das betäubte deutsche Schuldgefühl im Massenmaßstab.

Die Lehre aus der aufwändigen Dokumentation ist, dass es keinen "Schlussstrich" gibt. Die Züge der Erinnerung müssen immer wieder vor dem berüchtigten Tor halten, so will es der von Verspätungen entstellte Fahrplan des Gedenkens, und nicht etwa die deutsche "Schuldbesessenheit".