Die meisten Geschichten über Val Thorens sind Geschichten des Grauens. Sie beginnen wie Reportagen aus einem Großstadtghetto: von Betonschluchten ist zu lesen, von elfstöckigen Hochhäusern mit fensterlosen Klaustrophobie-Kammern. Ein Berichterstatter der Welt am Sonntag wurde richtig böse auf das Savoyer Retortendorf. Er hatte "beklemmend" geschlafen und warf den Franzosen vor, ihre Landschaft zu "vergewaltigen". Als er endlich die 2300 Meter hohe Skistation verlassen durfte, blickte er sich noch einmal um, und notierte seinen größten Fluch: Der Ort sehe aus wie "eine Pipeline-Siedlung in Alaska".

Unsere Geschichte beginnt an einem Freitag Mitte Dezember im Hauptbahnhof von Dortmund. Auf Bahnsteig elf stoßen vier Jungen mit Hansa-Pils-Dosen auf "die armen Schweine" an, die in der Uni geblieben sind. Sie tragen schlottrige Hosen in Erdtönen, Turnschuhe und ein Snowboard unter dem Arm, wie die meisten auf dem Bahnsteig. Sie warten auf den Sonderzug zur "Boarderweek" nach Val Thorens. Für 333 Mark bekommen sie dort eine Woche Unterkunft, den Skipass, ein Konzert mit der HipHop-Combo Die Fantastischen Vier und Party rund um die Uhr - einen konfektionierten Trendurlaub und laut stern eine kleine "Love-Parade im Schnee". Über 4000 Leute werden aus Deutschland anreisen.

Am nächsten Morgen schneit es. Die übernächtigten Snowboarder steigen für die letzten 30 Kilometer in Busse um, die sich das Belleville-Tal hochschrauben. Im Taleingang von Saint Martin kommt man an kleinen Chalets im Savoyer Stil vorbei, aus Naturstein und holzverkleidet. Weiter oben stehen alte Bauernhäuser, deren Dächer in über 200 Wintern etwas schief geworden sind. Irgendwann taucht aus dem Schneegestöber ein Turm auf und kurz darauf Umrisse von Stahlbetonhäusern, 16 Stockwerke hoch. Das sieht ein bisschen aus wie die Skyline von Frankfurt, aber es ist nur die Ferienfabrik Les Menuires, auf 1815 Metern gelegen. Wer diesen Anblick überstanden hat, kann dann Val Thorens fast etwas Heimeliges abgewinnen. Längst baut man dort nicht mehr über vier Stockwerke, alles Neue nur noch aus Holz, und der alte Beton wird rustikal verschalt. Sogar die Stahlpfeiler des Sesselliftes, der über die Station schwebt, sind im Holzdesign braun überlackiert.

Einer der Dortmunder Snowboarder steigt schwankend und leicht gebückt aus dem Bus. Er geht wie in Zeitlupe. In der Hand hält er die letzte Dose Hansa Pils. Auf seinen silbernen kleinen Koffer hat er "move your ass, and your mind will follow" geschrieben.

"Deutschen Sauftourismus" habe er nicht organisieren wollen, sagt Helge Lemke, der Vater der Boarderweek. Zum dritten Mal bringt der Chef des Reiseveranstalters Kölner Club die deutschen Boarder in die höchste Skistation Europas. Vergangenes Jahr klaute ein Düsseldorfer im Vollrausch einen Krankenwagen und schlitterte damit einige Stunden durch den Schnee. Lemke richtete daraufhin mit seinen Mitarbeitern in einem Appartement ein Bereitschaftsbüro ein, das täglich 24 Stunden besetzt ist, im Augenblick von ihm. "Wir sind hier zu Gast", sagt der 42-Jährige. "Ich will keinen Ballermann in den Alpen."

Lemke hat Erfahrung mit Großgruppendynamik. Mitte der achtziger Jahre organisierte er Konzerte der Künstler für den Frieden. Er arbeitete als Surf- und Skilehrer und plante Alternativreisen wie den Winter-Literaturausflug mit dem amerikanischen Thrillerautor Larry Beinhart nach Saint Martin. Das war vor fünf Jahren, und dabei bemerkte er zwei Dinge: Val Thorens stand in der Vorweihnachtszeit fast leer, und: "Mit Snowboard, da geht was Größeres." Lemke bekam den Zuschlag, und da auch einige hundert Snowboarder aus Holland, Frankreich, Ungarn und Slowenien kommen, nennt Lemke die Woche auch gern "Völkertreff - humanistisch, europäisch und antirassistisch".

Was für Lemke die Fortsetzung seiner Alternativreisen mit anderen Mitteln ist, sieht schon ziemlich nach normiertem Trendausflug aus. Alles, was zum Inventar solcher Veranstaltungen zählt, ist vorhanden: ein Bungee-Seil an einem Kran, Boards zum Testen, Konzerte von Nachwuchsbands. Es wird ein Quarter-Pipe-Wettkampf mit professionellen Fahrern organisiert und, sehr wichtig, es gibt natürlich Sponsoren. Helge Lemke läuft mit einem leicht verschwitzten Rollkragenpullover von Big Star herum, dem Hauptsponsor der Veranstaltung.