So viel Zeit muss sein: Trotz Übernahmeschlacht verlieh Mannesmann-Chef Klaus Esser vergangene Woche in aller Ruhe einen Shareholder-Value-Preis. Und das ausgerechnet in London, gleichsam im Feindesland. Der Auftritt war kalkuliert. Esser wiederholt sein seit Wochen gepflegtes Mantra: "Ich spiele fair - die Aktionäre sollen entscheiden, wer aus der Übernahmeschlacht als Sieger hervorgeht." Seit Wochen kämpft der Düsseldorfer Konzern erbittert dagegen, vom britischen Mobilfunker Vodafone geschluckt zu werden.

Doch während Esser auf seiner Werbetour den Aktionären rhetorisch huldigt, klagt daheim ausgerechnet die Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre: "Die Anleger werden nicht richtig informiert." Stattdessen, schimpft Vorstandsmitglied Anneliese Hieke, "verpulvert Herr Esser ihr Geld für sinnlose Anzeigenkampagnen und schädigt die eigenen Aktionäre mit unnötigen Tricks!" Gegen Ende einer für Deutschland beispiellosen PR-Kampagne fühlen sich viele private Anleger eher verwirrt als informiert. Sie sehen sich einer Mischung aus plumper Reklame, laufend neuen, mit Tamtam verbreiteten Unternehmensmeldungen, Gutachten und Gegengutachten gegenüber. Und das Unbehagen wird noch dadurch gesteigert, dass die Konzernchefs hinter den Kulissen mit Hochdruck an neuen Allianzen und Partnerschaften basteln, welche die Karten in letzter Minute völlig neu mischen könnten.

Tatsächlich verschicken Mannesmann und Vodafone auch Infobroschüren. Das Übernahmeangebot der Briten umfasst 50 Seiten. Dazu ist ein 450 Seiten starker Börsenzulassungsprospekt für die neuen Aktien unterwegs, die Vodafone im Tausch gegen die Mannesmann-Papiere ausgeben will. Um den Londoner Börsenregeln zu entsprechen, musste Vodafone dort auch alle Risiken darlegen. Die Düsseldorfer konterten mit einem 51-Seiten-Dokument, gespickt mit Zahlen, Grafiken, Glossar. Dafür gab es ein Lob von der Börsenzeitung: Die Verteidigung sei "in Form und Inhalt stilbildend". Wer will, kann sich also schlau machen, Informationen gibt es genug. Nur: Wem soll man trauen? Beinahe täglich werfen sich die Kontrahenten vor, die Aktionäre in die Irre zu führen.

Besonders umstritten ist eine scheinbare Randfrage, an der das ganze Übernahmeprojekt gleichwohl scheitern könnte. Es geht um die britische Mobilfunkfirma Orange, die sich Mannesmann noch kurz vor Gents Attacke einverleibte. Sollte Vodafone mit seinem Übergriff Erfolg haben, müsste Orange aus kartellrechtlichen Gründen wieder abgegeben werden. Das ist Konsens. Gestritten wird aber um die Frage, wie das zu geschehen hat. Nach Angaben von Mannesmann ist für die Abtrennung ein Beherrschungsvertrag nötig, der enorme Kosten nach sich zöge - bis zu 60 Milliarden Euro, für Vodafone kaum finanzierbar. "Dies ist schlichtweg unwahr", tönen die Briten. Sie könnten die Tochter ohne jenen kostspieligen Vertrag herauslösen. Wer hat Recht? Der Streit spaltet schon die Riege namhafter Rechtsprofessoren. Drei von ihnen stützen die Position von Mannesmann, vier die von Vodafone.

Damit nicht genug. Vodafone-Chef Chris Gent stört gewaltig, dass Mannesmann die Orange-Aktien schon am 10. Februar von der Börse zurückziehen will. Denn er will die Papiere nach erfolgreicher Übernahme unter den Aktionären verteilen. Auch Anneliese Hieke von der Schutzgemeinschaft ist erbost: "Das ist aktionärsfeindlich, das richtet sich gegen die eigenen Anleger!" In Düsseldorf entgegnet man, die Börsennotierung werde nicht mehr gebraucht und der Rückzug sei lange geplant gewesen.

Es wird hart gekämpft und harsch formuliert, platte Lügen aber meiden beide Kontrahenten. Für offensichtliche Falschinformationen könnten sie haftbar gemacht werden. Da hilft nur eins: betonen, was nutzt, weglassen, was schadet. So lässt sich mit Wachstumszahlen nett jonglieren: Gent betont, dass Vodafone auf dem britischen Markt 50 Prozent mehr Kunden habe als die Mannesmann-Tochter Orange. Was er verschweigt: Orange ist erst 1994 an den Start gegangen - neun Jahre später als Vodafone. Deshalb lässt sich der Erfolg beider Unternehmen besser am Kundenzuwachs messen. Auch dabei scheint Gent die Nase vorn zu haben. 1999 hat Vodafone 3,1 Millionen neue Kunden gewonnen, Orange hingegen nur 2,7 Millionen. Allerdings bedeuteten die 2,7 Millionen, bezogen auf den Bestand, dass der Kundenzuwachs bei Orange im vergangenen Jahr mit 127 Prozent fast doppelt so hoch ausgefallen ist wie bei Vodafone. Alles klar?