Dresden

Was Rinaldo Donath, Besitzer eines beliebten Ausflugslokals und Ballhauses im Dresdner Vorort Tolkewitz, vor 100 Jahren seinen Gästen offerierte, muss man sich etwa so vorstellen: eine Gebirgslandschaft, auf Blech gemalt, mit schroffen Felswänden, Wasserfall, einer Kirche und Häuschen, deren Fenster von hinten beleuchtet wurden. Alpenländische Abendstimmung wurde mittels Petroleumlampen erzeugt, die ihren Schein durch mit farbigem Wasser gefüllte Glaskugeln warfen. Dann noch etwas Theaterdonner und künstliche Blitze, und die Illusion war fast perfekt.

Als sich die Orte der Zerstreuung noch nicht in den Fängen der Spaßindustrie befanden, musste der Sonntagsausflug mit Tanzvergnügen reichen

entsprechende Ziele gab es in und um Dresden in Hülle und Fülle. Neben Donaths Neuer Welt boten in der lebensfrohen sächsischen Residenzstadt weit mehr als 100 oft prächtig ausgestattete Ballhäuser Ablenkung von der Alltagstristesse. Einige der schönsten und größten sind im Krieg verbrannt, aber etwa 25 gibt es noch.

Von ihnen handelt ein schöner Bildband, zu dem der Dresdner Fotograf und Filmemacher Ralf Kukula die Bilder machte und der Kunsthistoriker Volker Helas den Text schrieb.

Als HO-Lokale, Lagerhäuser oder Fabrikationsstätten hatten die Ballhäuser mühsam 40 Jahre Sozialismus überstanden. Würde es möglich sein, die wohl einmaligen Relikte wilhelminischer Feierabendkultur zu retten?

Ein gutes halbes Dutzend Ballhäuser sind aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht, wenngleich sich manch hoch gestimmte Erwartungen an eine Renaissance der Ballhauskultur nicht erfüllt haben. Viele der üppig dekorierten Säle, darunter auch Donaths Neue Welt, stehen immer noch leer und bröckeln vor sich hin, andere dienen weiter fremden Zwecken. Paradebeispiel für eine gelungene Sanierung ist Watzkes Concert- und Balletablissement im Stadtteil Pieschen.