Auf dem Drahtseil

Da standen die beiden vor ein paar Tagen Seite an Seite, wenn auch nicht gerade Schulter an Schulter: der überschwängliche, immer noch jugendlich wirkende Präsident der Vereinigten Staaten, dessen letztes Amtsjahr begonnen hat, und der gelehrtenhafte, scheinbar alterslose Vorsitzende der Federal Reserve Bank (Fed), der für weitere vier Jahre zum Notenbankchef ernannt werden soll. Wenn sich der 53-jährige Bill Clinton bald ganz dem Golfen widmen darf, wird der genau 20 Jahre ältere Alan Greenspan weiterhin einen 16-Stunden-Tag als mächtigster Zentralbanker der Welt haben. So wie schon seit 1987. Greenspan scheint unentbehrlich, aber ist er es wirklich?

Die Antwort lautet: zum jetzigen Zeitpunkt ja. Und zwar aus zwei Gründen. Der Erste hat mit einem Dilemma der Federal Reserve zu tun: Ihr fehlt es an einer verlässlichen analytischen Verankerung ihrer Entscheidungen. Die Geldmenge bietet keine zuverlässige Richtschnur mehr, und schon in naher Zukunft wird der blühende E-Commerce weitere traditionelle Verbindungen zwischen Geld und realer Wirtschaft durchtrennen. Auch die Kreditschöpfung reagiert auf die Entscheidungen der Fed nicht sehr empfindlich. Die Geschäftsbanken, die bisher zu den wichtigsten Adressaten jeder Zentralbank gehören, verlieren an Bedeutung, während neue Institutionen, die an den immer ausgeklügelter gestalteten Kapitalmärkten agieren, nur indirekt durch die geldpolitischen Standardmaßnahmen erreicht werden. Sogar die von der Fed benutzten Modelle, mit denen die Beziehungen zwischen wirtschaftlicher Aktivität, Arbeitslosigkeit und Inflationsrate beschrieben werden, sind unzuverlässig.

Seit Jahren bewegt sich die Arbeitslosenrate in den USA auf einem extrem niedrigen Niveau, ohne einen Inflationsschub auszulösen - kein Wirtschaftsexperte bei der Fed hätte das für möglich gehalten.

Die Konsequenz ist eine absolut fallbezogene, diskretionäre Geldpolitik.

Diskretionär heißt: Menschen und nicht Computermodelle treffen die Entscheidungen. Und Greenspan mit seiner unerreichten Trefferquote und der enthusiastischen Unterstützung durch die Finanzmärkte gilt als der Einzige, der fähig ist, diese Entscheidungen zu treffen. Oder präziser: Er allein ist in der Lage, innnerhalb der Fed einen tragfähigen Konsens zu erreichen.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Die von Greenspan bevorzugte Strategie ist höchst umstritten. Jeder andere würde von vorsichtigeren Finanzmarktexperten und auch von vielen Wirtschaftswissenschaftlern für diese Strategie heftig kritisiert werden. Das liegt daran, dass Greenspans Politik in ungleicher, asymmetrischer Weise auf Entwicklungen an den Märkten antwortet: Solange nicht unmittelbar Inflation droht, Wirtschaft, Kreditschöpfung und der Aktienmarkt aber boomen, werden die geldpolitischen Zügel nur sanft, eher zögerlich, ja fast widerwillig gestrafft. Umgekehrt ist die Fed aber schnell dabei, ihre Geldpolitik zu lockern, sobald die Kreditmärkte in Schwierigkeiten geraten und die Aktienkurse sinken.

Durch diesen gefährlichen Drahtseilakt werden Millionen Investoren zu leichtsinnigem Verhalten verführt. Sie bauen darauf, dass die Fed ihnen im Notfall aus der Patsche hilft. Diese Politik bedeutet aber auch, dass eine gewaltige Marktkorrektur unausweichlich wird, wenn die Inflation zu einer unmittelbaren Bedrohung wird und der Fed die Hände gebunden sind, um den Märkten mit niedrigen Zinsen unter die Arme zu greifen. In der heutigen Situation würde niemand außer Greenspan freie Hand bekommen, um solch eine riskante Strategie zu verfolgen.

Auf dem Drahtseil

Der zweite Grund, warum Greenspan unentbehrlich ist, hat mit der Politik zu tun. Die Republikaner können die Berufung des Vorsitzenden der Fed blockieren. So kurz vor den Präsidentschaftswahlen würden sie aber kaum irgendeinen Demokraten bestätigen, den Clinton vorgeschlagen hätte. Umgekehrt ist aber auch undenkbar, dass Clinton irgendeinen anderen Republikaner als ebenjenen Greenspan nominiert hätte.

Fazit: Alan Greenspan ist unentbehrlich und wird so lange dafür gehalten, bis dem glorreichen Rekordlauf des amerikanischen Aktienmarkts die Puste ausgeht.

Erst wenn die Realität die Menschen einholt, werden sie merken, dass auch der Notenbankchef nur ein Mensch ist. Die Gelehrten werden uns daran erinnern, dass die Macht der Fed, die die Welt und all ihre Finanzmärkte mit dem dünnsten aller Hebel, dem Leitzins, bewegt, höchst begrenzt ist. Und in den Medien werden die Kritiker der Fed große Pläne für die Reform der Notenbank ausbreiten. Greenspan wird unterdessen im Amt bleiben und einfach hoffen, dass alles noch mal gut geht.

Roger M. Kubarych ist Senior Fellow für internationale

Ökonomie und Finanzen am Council on Foreign Relations